Wie würde unsere Welt aussehen, wenn sich die Religionen gegenseitig die Hände reichen würden

Werkstattgespräch im Rahmen der Euro-Indischen Woche vom 1. bis 8. Juli 2011.

Im Namen der Religion werden seit vielen Jahrhunderten Konflikte ausgetragen. Auch ist eine friedliche Ko‑Existenz in interreligiöser Hinsicht oft weit mehr ein Wunsch als Realität. Seit einigen Jahren erfährt der Dialog der Religionen vor diesem Hintergrund wachsende Beachtung. Im Werkstattgespräch wird versucht, das facettenreiche Thema um eine indische und europäische Perspektive zu erweitern, unter besonderer Einbeziehung des Islams, des Christentums und des Hinduismus.

Prof. Francis D’Sa, der aus Indien angereist ist, befasst sich mit dem interreligiösen Dialog. Von ihm stammt der nachstehende Text:

Wie würde unsere Welt aussehen, wenn sich die Religionen gegenseitig die Hände reichen würden und statt sich für ihre Gegensätze zu hassen, für ihre Gemeinsamkeiten liebten? Was für eine Gesellschaftsform hätten wir, wenn weder Nationalitäten, Ethnizitäten oder unterschiedliche Sprachen eine Rolle spielen würden? Kurzum: Wie würde die Menschheit aussehen, wenn tatsächlich jeder Einzelne gleich seinem Nächsten wäre und keine Gruppendefinitionen der Völkerverständigung im Weg stünden? Zugegeben, es gehört eine Menge Idealismus dazu, eine solche Entwicklung als realistisch darzustellen, da es in der Geschichte unserer Art letztendlich noch keine dauerhafte Periode des Friedens gegeben hat. Nichtsdestotrotz gibt es Menschen, die die Öffentlichkeit davon überzeugen möchten, dass es lohnenswert ist, sich für eine solche Vision einzusetzen. Einer von diesen Menschen ist der Jesuitenpater und Religionswissenschaftler Francis D’Sa.


Francis D’Sa wurde am 29. November 1936 in Gokak Falls im Distrikt Belgaum im westlichen Indien geboren und wuchs als Christ neben Hinduisten und Moslems auf. Es war wahrscheinlich genau diese Pluralität der Gesellschaft und der Kultur, in der er lebte, welche in ihm die Überzeugung reifen ließ, dass ein Zusammenleben sowie der Dialog zwischen verschiedenen Gruppen möglich, wenn nicht sogar unausweichlich ist. Nachdem er im indischen Pune Philosophie studiert hatte, zog es D’Sa bereits im Jahre 1964 nach Europa, wo er zum Priester geweiht wurde (1967, Zug), wo er sein Studium der katholischen Theologie mit dem Lizentiat abschloss (1968, Innsbruck) und wo er 1973 promovierte (Wien). Anschließend lehrte er an verschiedenen Universitäten, wie z.B. an der Päpstlichen Hochschule für Philosophie und Theologie in Pune sowie als Gastprofessor in Innsbruck, Frankfurt/Main, Fribourg, Würzburg u.a.
Die Lehre bzw. Erforschung verschiedener Religionen und Kulturen und deren Vereinbarkeit stellte immer einen Schwerpunkt des Schaffens des Jesuitenpaters dar. Nicht etwa ein Zustand, in dem es lediglich keinen Krieg gäbe, sondern ein Zustand des ultimativen Friedens sollte das Ziel der Menschheit sein: „Obwohl es viele Friedensbewegungen gibt, zeichnet sich bisher keine Friedenskultur ab. […] Jede Kultur trägt den Samen des Friedens in ihrem Bestreben, aber leider werden die Religionen von verschiedenen Interessensgruppen ausgenutzt. Nur der Weg des Selbstkritik, des Dialoges, des gegenseitigen Verstehens und des einander ernst Nehmens führt uns zu allgemeinem Gedeihen und Frieden. Warum bilden wir Menschen für den Krieg aus, aber nicht für den Frieden?“
„Den anderen so verstehen, wie er sich selbst versteht – damit er lernt, mich zu verstehen, wie ich mich selbst verstehe.“ Darum geht es Pater D’Sa, wenn er versucht, seinen Leitgedanken zu erläutern. Der stets freundlich wirkende Philosoph, welcher von Manchen als leidenschaftlicher Vorkämpfer des Dialogs zwischen dem Christentum und den nicht-christlichen Religionen bezeichnet wird, ist aber bei Weitem kein reiner Theoretiker. Er setzt sich wo immer es geht für die religiöse Erfahrung und die praktizierte Liebe ein. Eines seiner bedeutendsten sozialen Projekte stellt dabei MAHER dar, welches er im Jahre 1997 mit begründete. MAHER, was in der Sprache der Völker Maharashtras „das Haus der Mütter“ bedeutet, ist ein interreligiöses Projekt, das sich der medizinischen Versorgung, Ausbildung und Rehabilitation misshandelter Frauen und ihrer Kinder sowie der Entwicklungshilfe in indischen Dörfern widmet. Dass sein Heimatland solche Institutionen bitter nötig hat, verdeutlichen erschreckende Statistiken: 200,000 Frauen und Kinder werden in Indien jährlich verschleppt, um sexuell ausgenutzt zu werden. Betrachtet man nur die gemeldeten Fälle, wird alle 29 Minuten eine Frau vergewaltigt. Pro Tag werden 50 Fälle von Misshandlungen oder Morden an Ehefrauen gemeldet, deren Familie keine befriedigende Mitgift bezahlen konnte. Im Jahre 2010 waren 2.4 Millionen Inder mit dem HI-Virus infiziert. Das Leid ist groß, aber in der Not nicht zu verzweifeln, sondern helfen, wo man kann – dass ist D’Sas Maxime.
Francis D’Sa ist ein einfacher Mann, welcher hinter dem philosophischen Konzept des kosmotheandrischen Welt- und Menschenbildes die simple Vision offenbart, die Menschen und Religionen einander näher zu bringen, um ein friedfertiges Zusammenleben zu ermöglichen. Der Mensch müsste sich dafür aber ein gutes Stück ändern: Er sollte sich nicht über seinen Besitz definieren, er sollte seine Träume mit anderen teilen und sich deren Vorstellungen zu Herzen nehmen, er sollte das unerklärlich mystische und die Pluralität unserer Gesellschaften als Bereicherung und nicht als Bedrohung ansehen und er sollte über Allem demütig sein. Letztendlich sind wir alle Teil des gleichen Ganzen.
„Wir müssen jede einzelne Farbe des Regenbogens wahrnehmen und akzeptieren, um das Licht zu sehen. Nur über den Dialog zwischen den Kulturen kann man deren Einzigartigkeit im Regenbogen der Kulturen erhalten.“

Prof. D’Sa war von 2003 bis 2008 Gastprofessor am Stiftungslehrstuhl für Missionswissenschaft und Dialog der Religionen an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Im Rahmen der Euro-Indischen Woche, welche vom 01. bis zum 08. Juli 2011 stattfinden wird und welche vom Alumni-Büro der Universität Würzburg organisiert wurde, wird er seiner ehemaligen Wirkungsstätte erneut einen Besuch abstatten. Das Alumni-Büro der Universität Würzburg freut sich darauf, neben Prof. D’Sa auch weitere verdiente Alumnis aus verschiedenen Ländern begrüßen zu dürfen. Einen Schwerpunkt der Projektwoche wird das Verhältnis zwischen der Europäischen Union und der aufsteigenden Großmacht Indien darstellen. Das Alumni-Netzwerk stellt eine hervorragend Gelegenheit dar, um mit anderen Kulturen, Berufsfeldern und Altersgruppen in Kontakt zu treten um wertvolle Erfahrungen auszutauschen und um neue Kontakte zu knüpfen. Der kulturelle und intellektuelle Austausch stellt dabei einen vitalen Teil der grenzübergreifenden Verständigung dar.

Maher:
„Es gibt nur eine Religion –
und das ist die Religion der Liebe.
Es gibt nur eine Kaste –
und das ist die Kaste der Menschheit.
Es gibt nur einen Gott –
und er wirkt durch uns.“

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Ein Gedanke zu „Wie würde unsere Welt aussehen, wenn sich die Religionen gegenseitig die Hände reichen würden

  • 16. Juni 2011 um 15:01
    Permalink

    Im Internet fand ich ein Video von einem Vortrag von Prof. Francis D’Sa

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