Wie kann ich mein Aktivitätsniveau erhalten?

Sind die Weichen richtig gestellt?
Foto: Rainer Sturm - pixelio.de

Natürlich empfiehlt man älter werdenden Menschen, dass sie sich schon vor der Pensionierung Gedanken für die Zeit danach machen und entsprechende Kontakte herstellen und pflegen. Sonst besteht die Gefahr, dass sie in „ein Loch“ fallen. Selbst wenn man sich darauf einstellt ist für Personen, die Erfüllung in ihrem Beruf fanden und sich intensiv engagierten, der Übergang nicht leicht.

Erlebnisqualität und –intensität
Wenn man sich auf die Bedürfnispyramide von Maslow bezieht und überlegt, welche Veränderungen mit dem Eintritt in den Ruhestand verbunden sind, so stellt man fest, dass eine ganze Reihe von Bedürfnissen, die durch die berufliche Tätigkeit abgedeckt waren, nun schwer zu befriedigen sind.
Dies betrifft besonders das Bedürfnis nach sozialer Einbindung und sozialer Anerkennung. Im Berufsleben ist man daran gewöhnt, dass man jeden Tag zahlreiche Menschen begegnet, die einem affektive Zuwendung zukommen lassen – vom ersten Gruß am Morgen über den Kaffeeplausch bis zum Abschied vor Feierabend. Ab dem Tag der Pensionierung verändert sich diese Situation radikal. Da man nicht in beruflichen Aktivitäten eingebunden ist, gibt es keine dringliche Notwendigkeit für andere Menschen einen zu kontaktieren. Und wenn sie es tun, ist es aus Freundlichkeit und oft bleiben die Interaktionen unverbindlich. Selbst wenn man Freunde und eine umfangreiche und liebevolle Familie hat, der Austausch mit anderen Menschen reduziert sich sehr stark. Auch die intellektuellen Anforderungen werden drastisch vermindert. Während man im Beruf permanent Entscheidungen treffen muss und gezwungen ist, Probleme zu lösen und intensiv nachzudenken, so werden im Ruhestand Alltagskleinigkeiten zum zentralen Reflexionsgegenstand: kaufe ich Joghurt mit oder ohne Zucker? Fahre ich in die Stadt mit dem Auto oder mit dem Rad? Spätestens dann stellt sich die Frage der Selbstverwirklichung und des Sinns des Lebens. Habe ich Lust, weitere 20 Jahre auf diese Weise zu verbringen?

Handlungsfelder aktiv erschließen: am besten am Wohnort
Als leidenschaftlicher Didaktik-Dozent an der Universität Eichstätt hatte ich kaum Berührung mit meinem Wohnort Ingolstadt, außer der Tatsache, dass ich zu Beginn der 80er Jahre an der Entstehung der Ingolstädter Grünen mitgewirkt hatte. Nach der Pensionierung war klar, dass ich meinen Wohnort nicht wechseln würde. Im Alter sollte man auf keinen Fall seine Umgebung verlassen. Daher beschloss ich, die Handlungsmöglichkeiten auszuloten, die meine Stadt – immerhin 125.000 Einwohner – bietet.

Wiederanknüpfen an frühere Aktivitäten
Wer in Vereinen oder Parteien aktiv war, kann auf frühere Kontakte zurückgreifen. So nahm ich zum ersten Mal nach 30 Jahren wieder teil an einer Arbeitskreissitzung bei den Ingolstädter Grünen. Einige kannten mich schon von früher und halfen mir bei meinem Wiedereinstieg. Allerdings ist zu betonen, dass man in einem solchen Fall nicht von Anfang an verantwortungsvolle Aufgaben erhält. Man sollte sich bereit erklären, auch kleine, unbeliebte Tätigkeiten zu verrichten, z.B. Plakate zu kleben oder an Infostands „Dienst zu leisten“.

Neue Aufgaben in Volkshochschule, Bürgertreffs und Freiwilligen Diensten
An der Volkshochschule konnte ich Kurse als Teilnehmer belegen (Studium generale) aber auch selbst einen Kurs zur Geschichte der Philosophie anbieten. Ferner gibt es in Ingolstadt wie in anderen Städten auch ein sehr gut ausgestaltetes Bürgerhaus, das unzählige Aktivitäten ermöglicht, insbesondere für Senioren. Dort durfte ich mehrmals Workshops durchführen über die Möglichkeiten, die das Internet für ältere Menschen öffnet. Ferner wurde ich in eine Gruppe aufgenommen, die sich mit der Migrantenintegration befasst.

Synergiebildung dank Internet
Die Aktivitäten der genannten Gruppen sind nicht in erster Linie für Pensionisten gedacht, sondern die meisten Mitstreiter sind berufstätig und treffen sich in der Regel nur alle zwei Wochen. Das bedeutet, dass man als Ruheständler zeitlich mühelos in verschiedenen Initiativen involviert sein kann. Man kann auch Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Gruppen herstellen, wenn punktuell gemeinsame Ziele verfolgt werden. Hier kann man als internetkundiger Senior zur Synergiebildung beitragen.

Weitere Beispiele für Internet-Aktivitäten
Online-Philosophie-Workshop: Im Rahmen der von Horst Sievert betriebenen Plattform „Senioren-Lernen-Online“ führe ich einen Online-Workshop „Geschichte der Philosophie von der Antike bis zur Gegenwart“. Die Sessions finden alle zwei Wochen statt, mit etwa 5 Teilnehmern, sie dauern 60 Minuten und es werden jeweils 3 bis 4 Philosophen behandelt. Das Format hat sich als erfolgreich erwiesen und die Teilnehmer arbeiten mit großem Fleiß und Intensität. Zur Vorbereitung auf die Sitzungen verwenden wir einen Wiki.

Blog mit Einträgen zu:
Senioren ins Internet: Im Hinblick auf Workshops „Internet für Senioren“ verfasse ich enstprechende Beiträge in meinem Blog. Gelegentlich werden diese Beiträge durch kleine Youtube-Videos veranschaulicht.
Philosophie: Im Zusammenhang mit den Philosophie-Workshops verfasse ich immer wieder Blogeinträge oder ich erstelle kleine Youtube-Videos zu philosophischen Themen.
Kommunalpolitik: Gestützt auf meine politischen Aktivitäten setze ich meinen Blog ein. Auch in der Homepage der Ingolstädter Grünen melde ich mich zu Wort.
Migrantenintegration: Als Mitglieder der Freiwilligen-Gruppe „Die Brückenbauer“ weise ich in meinem Blog auf unsere Aktionen und stelle Migrantenvereine vor.
Gastbeiträge von Spezialisten: Im Sinne einer besseren Kommunikation zwischen verschiedenen Gruppe in Ingolstadt bitte ich Fachleute, in Gastbeiträgen zu bestimmten Themen Stellung zu beziehen

Breitere Vernetzung durch Einsatz von Twitter und von Facebook
Vor dem Ruhestand hatte ich bereits eine größere Anbindung an Communities gefunden, insbesondere im Bereich der Hochschule. Da die von mir verfolgten Themen (Philosophie, Politik, Unterrichtsmethodik) auch für Studenten und Dozenten interessant sind, konnte ich die gewonnenen Kontakte auch nach der Pensionierung aufrechterhalten und weiterhin thematisch „bedienen“. In Twitter werde ich von ca 750 „Followern“ gelesen und bei Facebook habe ich etwa 210 „Freunde“.

Fazit:

Auch nach dem Eintritt in den Ruhestand lasst sich ein hohes Aktivitätsniveau halten. Durch die Mitarbeit in diversen Gruppen wird für viele, qualitativ befriedigende Interaktionen gesorgt. Vor allem durch den Einsatz vom Internet können ältere Menschen, die über ausreichende Zeit und Erfahrung verfügen, Vernetzungen zwischen unterschiedliche Communities einleiten und aufrechterhalten. Sie können umfangreichere Projekte initiieren und koordinieren und damit weiterhin ein erlebnisintensives Leben führen.

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Prof. Dr. Jean-Pol Martin

Jean-Pol Martin war von 1980 bis 2008 Französischdidaktiker an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Neben der Veröffentlichung mehrerer Lehrbücher steht er hinter dem pädagogischen Konzept Lernen durch Lehren (LdL), das an Schulen und Hochschulen Lernerfolge durch starke Eigenbeteiligung der Lernenden erzielt. Nach dem Konzept Lernen durch Lehren, das zunächst im Französischunterricht entwickelt wurde, wird in allen Fächern und Schultypen sowie an Hochschulen erfolgreich unterrichtet. Zur Verbreitung dieser Methode gründete Martin 1987 das LdL-Kontaktnetz, das damals etwa 500 Kollegen umfasste. Forschungsmethodologisch lässt sich Martin in den Bereich der Aktionsforschung einordnen.

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