Wer neugierig bleibt, lernt auch im Alter

Foto: Rainer Sturm pixelio.de
Ältere Menschen bevorzugen das gemeinsame Lernen in der Gruppe
Lernen «junge Alte», also Menschen zwischen 55 und 80, anders als 30-Jährige? Wie verändert sich das Lernen mit zunehmendem Alter? Haben «junge Alte» andere Bedürfnisse, was Lernen anbelangt, und wenn ja, welche? Und welche Lernmöglichkeiten bietet Innovage?
Mehr zu Innovage: siehe Fußnote

Alt heisst nicht senil!
Kommt Ihnen das bekannt vor? Ein ganz alltägliches Wort fällt mir beim besten Willen nicht ein. Ganz zu schweigen von Namen. Manchmal gehe ich mit einer bestimmten Absicht in die Küche, weiss dann aber plötzlich nicht mehr, was ich dort wollte. Weil ich mir vieles nicht mehr merken kann, schreibe ich häufig Notizzettel. Manchmal fürchte ich im Geheimen, erste Anzeichen beginnender Senilität zu erkennen. Ich bin 57 Jahre alt – was kommt da auf mich zu?


Die Angst davor, dass mit dem Älterwerden auch die geistigen Kräfte schwinden, ist tief verankert. Die gute Nachricht ist, dass die Hirnforschung belegt, dass im Alter zwar die Zahl der Hirnzellen bei den meisten Menschen etwas abnimmt, dieser Verlust jedoch durch neue Verbindungen zwischen den verbliebenen Zellen weitgehend kompensiert wird. Die schlechte Nachricht ist, dass es offenbar entscheidend ist, dass das Gehirn bereits trainiert ist, bevor man alt wird. Je mehr Kontakte (Synapsen) zwischen den Hirnzellen (Neuronen) in jüngeren Jahren gebildet wurden, das heisst je mehr gelernt wurde, desto grösser ist die Chance, dass das Gehirn auch im Alter problemlos funktioniert. «Je höher das Leistungsniveau ist, mit dem man einsteigt», sagt der Gerontopsychologe Mike Martin, «umso besser sind die Aussichten» .
Allerdings bleiben ältere Menschen nicht einfach so geistig leistungsfähig. Anders als in jungen Jahren müssen sie sich den Erhalt dieser Leistungsfähigkeit kontinuierlich erarbeiten. Häufig wird das Gehirn mit einem Muskel verglichen, der ständig bewegt und trainiert sein will, damit er kraftvoll bleibt. Benutzt man Muskeln längere Zeit nicht, werden sie träge und schrumpfen. Das gilt auch für das Gehirn.
Eine Möglichkeit, das Gehirn im Alter aktiv zu halten, ist Lernen. Denn die Hirnforschung zeigt, dass das Gehirn immer dann neue Synapsen bildet, wenn Menschen etwas Neues denken, lernen oder einüben. Insbesondere neue Aufgaben, für deren Bewältigung nicht einfach auf bekannte Regeln und Vorgehensweisen zurückgegriffen werden kann, fordern das Gehirn und bewähren sich entsprechend als Training.

Zwei Arten von Intelligenz
Zwar ist der Begriff der Intelligenz wissenschaftlich nicht geklärt. So lautet eine gängige Definition immer noch: «Intelligenz ist, was der Intelligenztest misst.» Dennoch geht die Wissenschaft davon aus, dass wir über (mindestens) zwei Arten von Intelligenz verfügen, die kristalline und die fluide Intelligenz.
Kristalline Intelligenz: Die kristalline Intelligenz beinhaltet individuelles Wissen, Lösungsansätze für bekannte Aufgaben, Problemlösungstechniken und -strategien, logisches Denken, Urteilsvermögen und die sprachlichen Fähigkeiten. Sie hat zu tun mit Weitblick, mit Verbindungen zu alten Wissensbeständen und deren Verflechtung mit Neuem. In der Regel nimmt sie bis Mitte 30 stetig zu und stabilisiert sich dann. Die kristalline Intelligenz nimmt im Alter nicht ab. Unter normalen Umständen bleibt sie ein Leben lang erhalten und kann sogar weiterwachsen, sofern Menschen auch im Alter kontinuierlich weiterlernen. Die kristalline Intelligenz nimmt jedoch schnell ab, wenn das Gehirn nicht mehr gefordert wird. Das passiert häufig in Heimsituationen oder bei stark isolierten älteren Menschen.
Fluide Intelligenz: Demgegenüber werden Eigenschaften wie geistige Beweglichkeit und die Fähigkeit, sich neuen Erfahrungen und Lebensumständen kreativ anzupassen, als fluide Intelligenz bezeichnet. Diese Art der Intelligenz ist durch das Altern eher gefährdet. Insbesondere die Schnelligkeit des Kombinierens, die rasche Auffassungsgabe, die Verbindung von Gelerntem mit Neuem und überhaupt die Einstellung gegenüber neuartigen Anforderungen können mit dem Alter abnehmen – müssen aber nicht. Langzeitstudien zeigen, dass Menschen, die bereits in jungen Jahren über eine ausgeprägte fluide Intelligenz verfügten, diese im Alter nicht verloren. Wer ein Leben lang gelernt und seine Neugier behalten hat, wird auch im Alter kein Problem haben mit der fluiden Intelligenz.

Merkmale kristalliner und fluider Intelligenz

Wie verändert sich die Leistungsfähigkeit im Alter?
Geschwindigkeit: Die am meisten auffallende Veränderung in der Gehirntätigkeit ist die Verlangsamung mentaler Prozesse. Man nimmt an, dass diese Verlangsamung daher rührt, dass die Weiterleitung in den Nerven länger dauert und weniger Botenstoffe an den Kontaktstellen zwischen den Zellen gebildet werden. Auch das Lernen nimmt jetzt mehr Zeit in Anspruch.
Aufmerksamkeit: Die Aufmerksamkeit nimmt tendenziell eher ab, Konzentration braucht mehr Energie als in jungen Jahren. Aber auch hier gilt: Wer sich schon früher gut konzentrieren konnte, wird diese Defizite kaum spüren. Wer dagegen schon immer leicht ablenkbar war und sich nur schwer konzentrieren konnte, kann diesbezüglich im Alter vermehrt Probleme bekommen. Im Unterschied zu jungen können sich ältere Menschen zunehmend schlechter auf mehrere Dinge gleichzeitig konzentrieren. Multitasking wird für sie zunehmend schwieriger.
Erinnerungsfähigkeit: Das Molekül, welches Informationen vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis leitet, wird zwar träger und die Zahl der Neuronen nimmt leicht ab, aber unser Gehirn verfügt über genügend Neuronen, um das Absterben von Nervenzellen durch neue Synapsen zwischen den verbliebenen Zellen wettzumachen. Studien belegen, dass die körperliche Leistungsfähigkeit, insbesondere die Muskelkraft, ein wichtiger positiver Einflussfaktor für das Kurz- und Langzeitgedächtnis ist. Sport und Fitnesstraining fördern also nicht nur die körperliche Kraft (und damit das Aussehen), sondern verbessern auch die Gedächtnisleistungen im Alter.
Leistungsfähigkeit: Grundsätzlich bleibt die geistige Leistungsfähigkeit im Alter erhalten, sofern sie schon früh aufgebaut wurde und ständig trainiert wird. Zwar nehmen geistige Beweglichkeit, Geschwindigkeit, Kurzzeitgedächtnis und körperliche Leistungsfähigkeit im Alter häufig ab. Die kumulierte Lebens- und Berufserfahrung, die geschärfte Urteilsfähigkeit sowie Gelassenheit und Weitblick können die geistige Leistungsfähigkeit älterer Menschen jedoch erhöhen. Einzelne Bereiche der Leistungsfähigkeit verändern sich mit zunehmendem Alter in der Regel wie folgt:

Veränderung der Leistungsfähigkeit im Alter

Wie lernen «junge Alte»?
Zwar propagieren neuere Konzepte der Altersbildung nachdrücklich Aspekte wie Selbstorganisation, Produktivität, Teilnehmer- und Lebensweltbezug. Man wünscht sich auch in diesem Bildungssegment Lernende, die Verantwortung für ihren Lernprozess übernehmen, autonom lernen und sich untereinander selber organisieren. Die Realität sieht anders aus. Gemäss einer deutschen Studie sind für Teilnehmende von Lernangeboten für Ältere folgende Faktoren wichtig:

Prägende Aspekte der Altersbildung

Mit anderen Worten: In Bildungsangeboten für Ältere spielen Kommunikation und Geselligkeit meist die zentrale Rolle. Man besucht eine Veranstaltung, weil man mit anderen zusammen sein, diskutieren oder plaudern will. Man will aktiv mitmachen und sich und seine Erfahrungen beziehungsweise sein Erfahrungswissen einbringen, nicht bloss konsumieren. Man sucht Informationen oder Beratung zu spezifischen Themen aus der eigenen Lebenswelt oder entlang der eigenen Interessen. Lernen «auf Vorrat» ist weniger interessant, und Themen wie Selbstorganisation oder die Frage, ob die Teilnehmergruppen altersdurchmischt oder -differenziert sind, sind weit weniger wichtig. Produktivität, das heisst in möglichst kurzer Zeit möglichst viel lernen, hat nur noch einen sehr geringen Stellenwert – schliesslich hat man Zeit und geniesst das auch.

Was ist anders?
Lernen setzt Lernbereitschaft voraus, auch im Alter. Wer eine gewisse Notwendigkeit dafür sieht, lernt eher. Wer lerngewohnt ist, lernt leichter. Das gilt grundsätzlich für alle Lernenden, egal, ob jung oder alt. Generell unterscheidet sich denn das Lernen älterer Menschen auch nicht wesentlich von demjenigen jüngerer. Trotzdem, ein paar Besonderheiten lassen sich schon feststellen. Fachleute nennen folgende generellen Unterschiede :

    Hohe Motivation: Ältere Menschen müssen sich nicht weiterbilden, wenn sie nicht wollen. Es gibt weder einen gesellschaftlichen noch einen beruflichen Druck dazu. Ihr Lernen ist weitgehend selbstbestimmt. Sie sind eigenmotiviert und bestimmen selber, was und weshalb sie etwas lernen wollen.
    Eigene Erfahrungen: Man will sich selber einbringen können, von eigenen Erfahrungen und eigenem Wissen berichten und ausgehen. Das kann sehr bereichernd sein, in einzelnen Fällen jedoch auch blockieren. Da «Überlernen» mit zunehmendem Alter schwierig wird, können Erfahrungen auch hinderlich sein und das Lernen erschweren.
    Nutzen der Bildung: Die Lernbereitschaft älterer Erwachsener ist abhängig von der Nähe eines Problems zu ihrer eigenen Wirklichkeit. Je konkreter Themen behandelt werden und je mehr die Lernenden überzeugt sind, etwas damit anfangen zu können, desto engagierter arbeiten sie mit.
    Soziales: Häufig ist die Kursgruppe gerade für ältere Menschen ein wichtiges Motiv fürs Mitmachen. Insbesondere Alleinstehende (und davon gibt es ja mit zunehmendem Alter immer mehr) freuen sich darauf, regelmässig mit anderen zusammen zu sein. Umfragen zeigen, dass viele «junge Alte» altersgemischte Kursgruppen vorziehen, bringen doch die verschiedenen Generationen unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen ein.

In der Praxis erleichtern folgende Grundsätze das Lernen für ältere Menschen:

    Schule ist out: Ältere Erwachsene wollen keine Schulsituationen, die an frühere Zeiten erinnern. Sie wollen mit all ihrer Erfahrung und ihrem Wissen ernst genommen werden, dieses einbringen können und nicht als «Neulinge» behandelt werden. Je individueller sie lernen können, je mehr sie also Lernmethoden und Tempo selber bestimmen können, desto lernbereiter sind sie.
    Zusammenhänge sind wichtig: Ältere Menschen wollen Zusammenhänge sehen. Für sie ist es wichtig, dass die Lerninhalte einen erkennbaren Bezug zu den eigenen Erfahrungen und Interessen haben. Wird einleuchtend erklärt, wofür ein Lernschritt bedeutsam ist, unterscheidet sich die Lernleistung älterer nicht von derjenigen jüngerer Menschen.
    Struktur hilft: Ältere Menschen haben mehr Schwierigkeiten damit, gleichzeitig verschiedene Informationen aufzunehmen oder verschiedene Aufgaben zu bearbeiten. Sie brauchen darum Strukturen und Lernmaterial, die ihnen helfen, sich auf einzelne Aufgaben zu konzentrieren. Das steigert ihre Leistungsfähigkeit.
    Mehr Zeit: Ältere Menschen sind benachteiligt, wenn neue Inhalte schnell vermittelt werden. Können sie dagegen in ihrem eigenen Rhythmus lernen, ist der Lernerfolg (mindestens) ebenso gut wie bei jüngeren, wird er doch meist unterstützt durch Erfahrung, Genauigkeit und Zuverlässigkeit .
    Gemeinsam lernen: Für viele ältere Menschen hat das Lernen in der Gruppe einen hohen Stellenwert. Sie haben erlebt, dass Zusammensein, Austausch und Miteinanderlernen das Lernen erleichtern. Neue Erkenntnisse lassen sich in der Diskussion mit anderen besser mit dem eigenen Wissen verknüpfen. Immer wieder werden im Gespräch individuelle Kenntnisse und Erfahrungen hervorgeholt, die zusammengebracht plötzlich ein grösseres Ganzes ergeben. Die Gruppe befriedigt das Bedürfnis nach Geselligkeit und unterstützt die zeitliche Strukturierung allenfalls lang gewordener Tage.
    Selbstzweifel: Obwohl ältere Menschen den Lernstoff häufig ebenso gut verarbeiten wie jüngere, zweifeln sie eher an ihren Fähigkeiten. Darum brauchen sie mehr Standortbestimmungen, Reflexion, aber auch die Bestätigung ihrer Lernfortschritte.
    Lebensperspektive: Schliesslich spielt auch die Lebensperspektive eine wichtige Rolle. Menschen, die erwarten können, dass sich ihre Lernbemühungen noch auszahlen, sind stärker motiviert und lernen entsprechend leichter.

Informelles Lernen wird wichtiger
Untersuchungen zeigen, dass ältere Menschen zurzeit weniger institutionalisierte Lernangebote (Kurse, Seminare, Vorträge usw.) wahrnehmen als jüngere. Das dürfte sich ändern, wenn in den nächsten Jahren die bildungsgewohnten Babyboomer pensioniert werden. Sie haben sich ein Leben lang weitergebildet, ihnen ist das institutionalisierte Lernen sehr vertraut. Aber natürlich verliert auch für sie das berufsorientierte Lernen mit zunehmendem Alter an Bedeutung. Die «Schweizerische Arbeitskräfteerhebung 2003» zeigt, dass der Besuch von (beruflicher) Weiterbildung bereits ab dem 50. Lebensjahr markant zurückgeht (BFS, Caballero Liardet, 2004, S. 18). Eine vertrauliche Studie der Migros-Klubschulen weist ebenfalls einen deutlichen Rückgang von älteren Teilnehmenden in allen zielorientierten Kursangeboten auf (Business, Sprachen mit Diplom/Zertifikat).
Wer ein Leben lang gelernt hat und nach wie vor neugierig und gesund ist, hört mit der Pensionierung nicht auf, zu lernen. Nur wird mit zunehmenden Jahren häufig mehr informell gelernt, ohne explizite Anleitung durch Lehrpersonen, ohne vorgegebene Ziele und formale Abschlüsse. Endlich hat man Zeit für die ausführliche Lektüre von Fachliteratur, den Besuch von Tagungen, Museen und Ausstellungen oder für lange Diskussionen mit Freunden und Bekannten. Kurze Ausflüge in der näheren Umgebung oder ausgedehnte Reisen in ferne Winkel dieser Erde lassen einen Neues entdecken. Viele «junge Alte» haben zudem in den letzten Jahren gelernt, mit den neuen Medien umzugehen. Die über 60-Jährigen sind das am schnellsten wachsende Segment von Internet-Nutzern. Das Internet bietet unerschöpfliche Möglichkeiten, zu recherchieren und ein Thema zu vertiefen. Ein Riesenangebot von Software- und Lernprogrammen hilft, sich in die verschiedensten Gebiete einzuarbeiten.

Endlich studieren, was interessiert
Obwohl viele ältere Menschen keine Zertifikate oder Diplome mehr anstreben, nimmt an den Universitäten gerade diese Altersgruppe zu. Kein Wunder: Immer mehr bildungsgewohnte Babyboomer kommen ins Rentenalter. Noch einmal etwas ganz Neues lernen! Sich endlich in Themen vertiefen, die einen schon lange interessieren! Diesen «Luxus» leisten sich immer mehr gut gebildete Senioren heute gerne, und manche steigen nach der Pensionierung sogar noch einmal in ein Studium ein.

Rahmenbedingungen müssen stimmen
Erfahrungsgemäss wählen ältere Menschen Lernangebote nicht nur aufgrund ihrer Interessen, sondern – anders als Junge – vermehrt auch aufgrund der Rahmenbedingungen. Massgebend für ihren Entscheid sind folgende Überlegungen:
Wann findet die Veranstaltung statt? Im Winter sind Vor- und Nachmittage günstig, an dunklen, kalten Winterabenden hingegen gehen viele ältere Leute nicht mehr gern aus dem Haus. Im Sommer sind die Tage häufig reserviert für anderes: Wandern, Golfen, Gärtnern, Sonnenbaden, Reisen usw. Oft bleibt in dieser Saison wenig Zeit für formale Lernangebote. Lieber nutzt man Möglichkeiten wie Reisen, Lesen, Gespräche.
Wie lange dauert sie? Ganz- oder mehrtägige Veranstaltungen können für ältere Menschen ermüdend sein, verlangen sie doch viel Konzentration. Pausen sind darum wichtig. Mehrmonatige oder mehrjährige Angebote wollen gut überlegt sein, denn «junge Alte» verpflichten sich in der Regel lieber nicht auf lange Zeit hinaus. Sie wollen ihre neu gewonnene Freiheit nicht schon wieder einschränken.
Wo findet sie statt? Der Veranstaltungsort soll leicht und bequem erreichbar sein und möglichst gut angebunden an den öffentlichen Verkehr. Für dieses Zielpublikum ist zudem ein störungsfreier, akustisch angenehmer Kursraum wichtig, weil Lärm und Unruhe stark ablenken.
Wie sieht das Unterrichtsmaterial aus? Im Alter lässt die Sehschärfe nach. Unterlagen in zu kleiner Schrift, stark verkleinerte Handouts von Präsentationen (Powerpoint-Handzettel) oder unlesbare Folien sind für ältere Menschen ärgerlich. Lernbeispiele, Situationen und Abbildungen, die sich vorwiegend oder ausschliesslich auf jüngere Leute beziehen, gehen an ihrer Lebensrealität vorbei. Hilfreich ist gut strukturiertes Unterrichtsmaterial, das Schritt für Schritt vorgeht und immer wieder Pausenmöglichkeiten bietet.
Wer leitet die Veranstaltung? Von der Leitung erwarten die «jungen Alten» in der Regel vor allem Fach- und Sozialkompetenz. Mit methodischen Mängeln können sie eher besser umgehen als Jüngere, sind sie doch hauptsächlich am Thema interessiert, eigenmotiviert und bringen häufig Vorkenntnisse mit.
Wie wird gelernt? Ältere Menschen brauchen keine speziellen Lernmethoden. Sie wollen ernst genommen werden und ihre Erfahrungen und Kenntnisse einbringen können. Darum eignen sich erwachsenengerechte Angebote auch für sie, sofern die Rahmenbedingungen stimmen. Zu beachten ist aber, dass ältere Menschen mehr Zeit brauchen als jüngere, gerne reflektieren und vieles in Zusammenhängen sehen. Besonders wichtig ist für sie, dass sie in ihrem individuellen Lernstil arbeiten können.

Welche Lernmöglichkeiten bietet Innovage?(Was ist Innovage? Siehe Fußnote)
Von den Mitgliedern der regionalen Innovage-Netzwerke wird erwartet, dass sie sich unentgeltlich für zivilgesellschaftliche Projekte und Anliegen engagieren. Der Projektleitung von Innovage war von Anfang an klar, dass nur Leute in den Innovage-Netzwerken mitarbeiten sollten, die bereits vertraut sind mit der Grundidee von Innovage und sich damit identifizieren können. Auch die Auseinandersetzung mit den eigenen Erwartungen und mit der Frage, welches Erfahrungswissen man in die Mitarbeit bei Innovage einbringen will, sollte vor der aktiven Mitgliedschaft im Netzwerk erfolgen. Diese Vorgaben haben sich vor allem in der Gründungsphase der Netzwerke als hilfreich erwiesen. Über hundert pensionierte, gut qualifizierte Männer und Frauen, die auf ein jahrzehntelanges Berufsleben als Manager, Beraterinnen oder Lehrpersonen zurückblicken, absolvierten zwischen 2006 und 2009 ein neuntägiges Innovage-Einführungsseminar und traten einem der sechs regionalen Netzwerke bei. Zwar schienen neun Tage Seminar einigen Interessierten relativ lang zu sein. Wie sich zeigte, war diese Dauer in der Gründungs- und Aufbauphase der regionalen Netzwerke durchaus sinnvoll.
Heute existieren sechs regionale Netzwerke und entsprechend konnte der Einstiegsprozess angepasst werden. «Weniger Seminar, mehr Werkstatt» und eine schnellere Integration in die regionalen Netzwerke bildeten die Leitlinien des neuen Konzepts. Neu besuchen künftige Mitglieder über ein halbes Jahr verteilt vier Einführungstage, in welchen sie sich mit den Zielen der Vereinigung, der eigentlichen Aufgabe, also den Innovage-Projekten und -Anfragen, auseinandersetzen. Sie beschäftigen sich zudem mit Hintergrundthemen wie dem Konzept der Zivilgesellschaft oder Veränderungen des Alter(n)s und gewinnen Klarheit über die eigenen Erwartungen und ihre Motivation für Freiwilligenarbeit. Bereits ab dem zweiten Einführungstag arbeiten die Teilnehmenden aktiv im regionalen Netzwerk mit, nehmen an den regelmässigen Treffen teil und beteiligen sich zusammen mit anderen Mitgliedern baldmöglichst an einem Projekt oder Angebot. Nach einem halben Jahr steht die definitive Aufnahme ins regionale Innovage-Netzwerk an. Dieser obligatorische Teil des Aufnahmeverfahrens ist strukturiert und unterstützt die Integration der zukünftigen Netzwerkmitglieder.
Neben den Einführungstagen besteht die Möglichkeit, sich in einer «Projektküche» intensiv damit auseinanderzusetzen, an welchen Projekten oder Anfragen die Teilnehmenden persönlich interessiert sind. Ziel ist es, zu erkennen, wo sie ihr eigenes Know-how einbringen und engagiert mitarbeiten können. Als weiteres fakultatives Angebot geben die «Werkstatt-Gespräche» Raum dafür, eigene Projekte weiterzuentwickeln und sich dabei unterstützen und coachen zu lassen.
Parallel zu diesen Veranstaltungen werden jährlich zwei thematische Tagesseminare angeboten, deren Themen von den Netzwerken selber bestimmt werden. Sie können wahlweise besucht werden und stehen allen zukünftigen und bestehenden Mitgliedern der regionalen Netzwerke offen. Eine jährlich stattfindende gesamtschweizerische Tagung bietet thematische Inputs und Gelegenheit für die Vernetzung mit Mitgliedern anderer regionaler Netzwerke. Innovage bietet also eine ganze Palette von institutionalisierten Lernangeboten – und diese werden insbesondere von den Neueintretenden und denjenigen, die noch nicht lange dabei sind, sehr geschätzt.
Neben all diesen institutionalisierten Lernangeboten eröffnet insbesondere die Arbeit an zivilgesellschaftlichen Projekten den meisten Innovage-Mitgliedern neue Welten: Sie lernen andere Menschen, andere Denkweisen und (Arbeits-)Bedingungen kennen und erhalten Einblick in Organisationen und Vereinigungen. Erfahrene Manager und Führungskräfte, die ein Leben lang in der Wirtschaft tätig waren, lernen Strukturen und Abläufe von gemeinnützigen, nicht gewinnorientierten Organisationen und Interessengruppen kennen. Sie lernen, ihre professionelle Erfahrung adäquat in zivilgesellschaftliche Organisationen einzubringen und für sie nutzbar zu machen – häufig eine echte Herausforderung.
Die bisherige Erfahrung zeigt, dass ein grosser Teil der Interessentinnen und Interessenten sich gerade wegen dieses breit gefächerten Lernangebots für Innovage interessiert und dem Netzwerk beitritt. Als gut informierte Seniorinnen und Senioren wissen sie, dass permanentes Lernen auch in diesem Lebensabschnitt wichtig ist. Innovage bietet ihnen die Möglichkeit, ihre Lernlust und Neugier sowohl durch formale Lernangebote als auch durch informelles Lernen zu stillen.

Innovage:
Die Idee: Erfahrungswissen weitergeben.
Die Baby-Boom-Generation kommt ins Pensionierungsalter. Viele ihrer Mitglieder sind gut ausgebildet, waren jahrzehntelang in anspruchsvollen Funktionen tätig – und sie sind geistig und körperlich fit. Sie suchen nach neuen Aufgaben. Hier setzt Innovage an.
Innovage-BeraterInnen geben das Knowhow aus ihrer langjährigen beruflichen Erfahrung unentgeltlich an Non-Profit-Organisationen weiter. Sie beraten z.B. gemeinnützige Organisationen oder sie entwickeln eigene Projekte im zivilgesellschaftlichen Bereich.
Mehr zu Innovage hier

Dieser Artikel stammt aus dem Buch „Die andere Kariere“ und wird hier mit freundlicher Genehmigung durch Verlag und Autorin nachgedruckt.
Danke dafür.

Herausgeber:
Beat Bühlmann
Autoren:
Heinz Altorfer, Maja Graf, Francois Höpflinger, Sonja Kubisch, Colette Peter
Verlag: interact Verlag, Hochschule Luzern, Werftestrasse 1, CH-6002 Luzern
2010, 216 Seiten, € 24,50
ISBN 978-3-906413-70-9

Foto zum Artikel: Rainer Sturm pixelio.de

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