Senioren finden Technik gut: Heidelberger Studie widerlegt Vorurteil einer mangelnden Technikaffinität Älterer

Das traute Heim kann ein ganz schon gefährlicher Ort sein. Das zeigt die hohe Zahl an Stürzen. Bis zu 400 von 1.000 Senioren über 65 Jahre stürzen einer Untersuchung zufolge mindestens einmal jährlich. Damit stellen Stürze im Haushalt das größte Unfallrisiko für ältere Menschen dar. Intelligente Technik hilft, Stürze zu verhindern. Zum Beispiel kann ein umgehängter Fallsensor mit Alarmknopf sturztypische Bewegungen messen. Im Falle eines Sturzes schlägt er Alarm.

gestensteuerung_01Die sagenhaften Möglichkeiten der Technik nutzen jedoch nur etwas, wenn Techniken akzeptiert und angewandt werden. Wie aber bewerten Seniorinnen und Senioren neue Technologien? Das versuchten Forscher der Universitäten Heidelberg und Frankfurt herauszufinden. Sie befragten 84 Heimbewohner, inwieweit sie die vorhandene Technik im Seniorenheim wahrnehmen, ob sie selbst etwas mit Technik zu tun haben und wie sie Technik gegenüber eingestellt sind.
Die wenigsten Senioren wissen, was ein Motherboard ist und wie genau ein Computerchip aussieht. Doch eine ganze Reihe von Senioren gab an, im Laufe ihres Lebens positive Erfahrungen mit Technik gesammelt zu haben. Allerdings äußerten viele auch, dass sie immer dann verunsichert waren, wenn ihnen die Technik zu kompliziert erschien.

Um mit Technik gut umgehen zu können, braucht es nicht nur ein bisschen Grips. Die Einstellung spielt wie so oft im Leben eine große Rolle. Wer nun gedacht hätte, die meisten Senioren gehen zu Technik auf Abstand, der irrt.

Sensormatten wären gewünscht
Die Untersuchung zeigte, dass älteren Menschen Technik in hohem Grad gefällt. So haben die wenigsten etwas dagegen, eine Ruf- und Gegensprechanlage zu benutzen. Die, finden sie, vergrößert ihre eigene Sicherheit. Auch Sensormatten vor dem Bett lehnen Senioren nur selten ab. Die wenigen Technikskeptiker befürchten, dass sie durch den Einzug von Technik ins Seniorenheim weniger Kontakt zu den Mitarbeitern haben. Das wollen sie auf keinen Fall.
Dass in Seniorenzentren Pflegeroboter echte Menschen und Virtual Reality echte Erlebnisse ersetzen könnten, ist eine verbreitete Angst. Auch Pflegerinnen lehnen deshalb Pflegeroboter ab, ergab die „Bewertung neuer Technologien durch Bewohner und Personal im Altenzentrum Grafenau der Paul Wilhelm von Keppler-Stiftung und Prüfung des Transfers ins häusliche Wohnen“ (BETAGT). Pflegekräfte wünschen sich zwar Technik. Allerdings soll sie dazu beitragen, dass mehr Zeit für das Menschliche in der Pflege bleibt. Auf ihrer Wunschliste stehen der Analyse zufolge deshalb zum Beispiel effiziente Pflegedokumentationssysteme, die Arbeitsabläufe erleichtern.
Technik muss sich dem Menschen unterordnen, fordern die Befragten. Sie darf nicht dominant oder bedrohlich wirken und sie darf die Privatsphäre nicht einschränken. All dies kann geschehen, wird man in einem Heim per Video überwacht. Andererseits können Kameras das Personal bei der Betreuung weglaufgefährdeter Menschen unterstützen. Dennoch wird Videoüberwachung innerhalb des Heims von Pflegekräften abgelehnt. Die Abneigung gegenüber einer filmischen Beobachtung der Bewohner war bei den befragten Pflegekräften sogar noch stärker als jene gegen Pflegeroboter. Für Pflegerinnen ist Videoüberwachung innerhalb des Heims schlicht unethisch.

Noch gibt es kaum moderne Technik im Heim
Nach dem, was Bewohner und Mitarbeiter bei der BETAGT-Studie zu Protokoll gaben, ist es mit dem Einzug von Technik im Pflegeheim noch nicht allzu weit her. Rufanlagen sind zwar Standard, doch in den wenigsten Seniorenzentren gibt es elektronische Schließsysteme, Sensormatten, Kommunikationsterminals, Pflegeroboter oder Ortungssysteme. Dabei wäre der Wunsch gerade nach einem Ambient Assisted Living (AAL)-Equipment wie Sensormatten sehr groß.
Auch die kärgliche Ausstattung mit Kommunikationsterminals entspricht nicht mehr den Bedürfnissen heutiger Bewohner. Viele würden gern lernen, Mails zu schreiben. Mit Hilfe eines Kommunikationsterminals im Heim könnten sie Kontakt zu entfernt wohnenden Freunden und Angehörigen halten.
Dass ein Automat Routinearbeiten übernimmt, dagegen hat so gut wie kein Senior etwas. Ältere Menschen wollen allerdings nicht durch Technik vereinsamen. Doch Ambient Assisted Living kann gerade auch helfen, Einsamkeit zu überwinden. Die „Fraunhofer-Allianz Ambient Assisted Living“ arbeitet seit 2010 zum Beispiel an einem AAL-Projekt mit, das Senioren durch einen interaktiven „Freundschafts-Coach“ bei der Suche nach neuen Freunden unterstützen soll. Das Konzept mit dem komplizierten Namen „Virtual Coach Reaches Out To Me“ (V2me) fand in ersten Tests in Pflegeheimen großen Zuspruch. Jana Desch

Graffik: Tellur GmbH, Zettachring 2, 70567 Stuttgart (Webseite)

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