Liquid Engagement – Freiwilliges Engagement attraktiver machen – Zur Woche des bürgerschaftlichen Engagements

Dieser Beitrag erschien im Rahmen der 26. NPO-Blogparade unter der Fragestellung: “Freiwilliges Engagement attraktiver machen – aber wie?” mit Blick auf die Woche des bürgerschaftlichen Engagements 2013.

Freiwilliges Engagement, Ehrenamt, bürgerschaftliches Engagement, egal wie man das Kind beim Namen nennt, Kirchen, Parteien, Verbände und Vereine haben es immer schwerer, neue Menschen anzuwerben, die sich freiwillig für ihre Belange engagieren wollen.

Meiner Ansicht nach trägt der in den vergangenen Jahren zunehmende Trend zur Individualisierung dazu bei, dass Menschen sich nicht mehr in Organisationen engagieren. Dr. Christian Kunze (Trend und Zukunft) beschreibt die Auswirkungen der Individualisierung anhand verschiedener Bereiche des Gemeinwesens u.a. auch aus Sicht der Kommunen. Dazu stellt er einige interessante Fragen:

  • Welches Verständnis und welches Bürgerbild hat die Kommune und die Kommunalpolitik vom Bürger und dessen Anspruch auch Individualität?

  • Welche Bedeutung haben Individualität und Pluralismus für die Attraktivität einer Kommune?

  • Was kann eine Stadt tun, um im Attraktivitätswettbewerb Individualität und Vielfalt zu entwickeln?

  • Wie kann man an der Schnittstelle zum Bürger tätige kommunale Mitarbeiter auf Individualität ausrichten?

  • (…)

  • Was bedeutet Diversity Management für das Kunden-/Bürgerinformationssystem?

  • (…)

  • Wie kann man trotz fortschreitender Individualisierung die Solidarität der Bürger vor Ort stärken?

  • Welche Bedeutung hat die Individualisierung für Sport und Freizeit? Welche Konsequenzen ergeben sich für die Sport- und Freizeitnachfrage und die Sportinfrastruktur?

  • Welche Rolle sollte eine Kommune in Zukunft vor dem Hintergrund eines sehr individualisierten Sport- und Freizeitverhaltens spielen?

  • Was bedeutet die fortschreitende Individualisierung für die Kulturnachfrage? Welche Optionen ergeben sich für die kommunale Kulturpolitik?

Der Begriff “Kommune” lässt sich hier beliebig durch “Kirche”, “Verband”, “Verein” etc. ersetzen. Haben die Akteure in den Gemeinwesen Antworten auf diese Fragen?

Und wer sind die Menschen, die für ein Engagement gewonnen werden sollen?

Julia Russau hat diese in ihrem lesenswerten Beitrag für die NPO-Blogparade näher betrachtet und stellt die entscheidende Frage:

Wie überzeuge ich jemanden sich zu engagieren, anstatt…
… fernzusehen?
… am Stammtisch zu diskutieren?
… sich zu langweilen?
… im Internet zu surfen?
… mit Freunden zu feiern?

Ihre Antwort lautet:

Ich möchte das Ganze etwas zuspitzen: Damit Menschen von alten Gewohnheiten loslassen und sich stattdessen freiwillig für eine gute Sache engagieren, müssen m. M. nach vier Voraussetzungen gegeben sein, die sozusagen als »Stein des Anstoßes« funktionieren:

Eine Sache ist so unerträglich geworden, dass man sie unbedingt verändern möchte!
Das Engagement ist so attraktiv, dass es sich lohnt, eine andere (konkurrierende) Aktivität dagegen einzutauschen!
Es ist sehr einfach, das Engagement aktiv zu realisieren!
Es besteht ein äußerer Zwang, das Engagement zu vollziehen (was für dasfreiwillige Engagement wohl nur eine Option ist, wenn 1. der Fall ist)

Ich behaupte, dass wenigstens zwei der vier Punkte erfüllt sein müssen, damit Menschen den Wunsch verspüren, sich aktiv zu engagieren.

Ich stelle mir die Frage: “Wer sind diese Menschen und wie wirkt sich die Individualisierung auf sie aus?”

Dabei denke ich an zwei Gruppen:

Menschen, die temporär Zeit haben und diese mit einer Aufgabe füllen wollen, z.B. Erziehungszeiten, Übergangszeiten zwischen zwei Jobs oder zwischen Schule und Ausbildung/Studium, Arbeitslosigkeit und Ruhestandszeiten.

Diese Gruppe wird sich eine Aufgabe suchen, die ihren Interessen entspricht und dafür bestimmte Zeiträume zur Verfügung stellen. Dabei kommt auch ein regelmäßiges Engagement, z.B. immer mittwochs nachmittags in Betracht, allerdings auch mit Einschränkungen wie “Dienstag Nachmittag gehe ich immer zur Gymnastik.”

Menschen, die beruflich stark eingespannt sind und häufig mit flexiblen Arbeitszeiten klar kommen müssen. Ein regelmäßiges Engagement immer zu den gleichen Zeiten kommt für diese Menschen nicht in Frage. Trotzdem möchten sie sich mit ihren oft stark fachspezifischen Fähigkeiten für ein bestimmtes Thema engagieren.

Beiden Gruppen gemeinsam ist in unterschiedlichen Ausprägungen das Thema “Zeit”. Einige werden eine passende Aufgabe in der Kirche, einem Verband oder einem Verein finden und dort regelmäßig mitarbeiten.

Andere hingegen möchten ihr Engagement nicht an einen Träger oder an eine Organisation binden, sondern ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten flexibel dort einbringen, wo sie gerade benötigt werden. Eine Bindung an die entsprechende Organisation ist dabei nicht beabsichtigt.

In dieser Form des freiwilligen Engagements liegt m. E. die Zukunft. Ich würde sie als “Liquid Engagement” bezeichnet. Nach meinen Recherchen scheint dieser Begriff noch nicht belegt zu sein, so dass ich ihn wie folgt definiere:

Liquid Engagement ist eine flexible Form der Beteiligung innerhalb der Bürgergesellschaft. Die Person, die sich liquid engagiert bringt ihr spezifisches Wissen selbstbestimmt an Stellen ein, wo sie einen hedonistisch geprägten Handlungsbedarf sieht. Dabei kommt es im besten Fall zu einer temporären Identifikation mit dem Empfänger des Engagements.

Beispiele bei denen sich Menschen in Form von Liquid Engagement einsetzen sind Kampagnen von change.org, Flashmobs, die Occupy-Bewegung, openTransfer oder Projekte der Weltbeweger.

Erst wenn Kirchen, Parteien, Verbände und Vereine ihre tradierten Strukturen überdacht und überzeugende Antworten auf die o.g. Fragen von Dr. Christian Kunze gefunden haben, werden sie sich um die Menschen bewerben können, die sich liquid engagieren und dabei hoch geschätzte Qualitäten mitbringen.
Ihre Vormachtstellung als Organisationen, die das bürgerschaftliche Engagement im Dritten Sektor bündeln, werden sie dann allerdings eingebüßt haben.
Sie werden auf Augenhöhe mit kleinen Initiativen und temporären Bewegungen um die Gunst von Menschen werben, die sich innerhalb einer Bürgergesellschaft für bestimmte Themen einsetzen wollen.

Autor dieses Artikels ist:
Stefan Zollondz
Als Sozialmanager und Diplom Sozialarbeiter (FH) mit mehr als 15 Jahren praktischer Erfahrung begleite ich kleine und mittlere Unternehmen sowie Non-Profit-Organisationen bei der Herausforderung, sich zukunftsfähig aufzustellen und auf Themen wie Fachkräftemangel, Familienfreundlichkeit und demographische Entwicklung zu reagieren. Mein methodischer Ansatz basiert auf einem werteorientierten, agilen Change-Management, bei dem Betriebsabläufe und Interessen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Fokus stehen. Bei Bedarf enthalten meine Interventionen Schnittstellen zum Qualitätsmanagement sowie zur IT-Kommunikation. So biete ich kleine Puzzleteile zum Beispiel in Form von „Wertschätzung“, „Anerkennung“ oder „Veränderung“ an, die das Unternehmensleitbild vervollständigen und abrunden.

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsabfrage * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen