Kuchen und handwerkliche Künste

Die Fischers vom Projekt „Wohnen für Hilfe“ sind Julia Barbiers zweite Familie.

Als sie zum ersten Mal den fremden Schlüssel in der Hand hielt, das war für Julia Barbier schon etwas merkwürdig. Hier also durfte sie wohnen – und zwar ganz unentgeltlich! Nur helfen sollte sie. Rund 25 Stunden um Monat waren vereinbart. Hilfe benötigt vor allem Veronika, die Frau von Wilmar Fischer. Die schwer kranke 75-Jährige kann nur mit Mühe trinken. Und braucht auch sonst viel Assistenz. Julia Barbier geht ihr gern zur Hand. Und ist inzwischen für Wilmar Fischer unverzichtbar geworden.

Zusammen zu speisen, das ist ein bisschen schwierig. Denn Julia ist, was Wilmar Fischer gar nicht verstehen kann, Vegetarierin. Doch gemeinsam Kuchen zu essen, das tun die drei gern. Dabei wird viel erzählt. Die aus Niedersachsen stammende Studentin lernt bei den Fischers allerhand Neues. Auch neue Ausdrücke: „Ich habe nie zuvor gehört, dass man zu Friedhof ‚Gottesacker’ sagt.“ Der gelernte Maler bringt ihr außerdem handwerkliche Künste bei. So lernte Julia, Baumwollputz anzurühren, den Fischer dann aufspachtelte. Die Platten werden benötigt, weil der 75-Jährige immer noch rege ist und hin und wieder mithilft, eine Wohnung zu renovieren.

Julia Barbier suchte deshalb über das Würzburger Caritas-Projekt „Wohnen für Hilfe“ nach einer Unterkunft, weil sie plötzlich aus ihrer alten Wohnung musste. Geld hat die 22-Jährige nicht viel. Deshalb kamen die meisten Zimmer in Wohngemeinschaften nicht in Betracht: „Auch hier explodieren die Preise derzeit.“ Zweck-WGs mag die angehende Historikerin sowieso nicht. Darum ließ sie sich auf das Wohnpartnerschaftsprojekt ein – offen für alles, was da auf sie zukommen würde: „Nur das Bad hätte ich nicht so gern geteilt, da ich weiß, wie schnell es hier zu Konflikten kommen kann.“ Das muss sie nun auch nicht. Hat sie doch eine eigene kleine, abgetrennte Wohnung.

Fischers Sohn warnte, bloß nichts zu übereilen – wer weiß, wen man sich da ins Haus holt? Doch der zweifache Vater und vierfache Großvater Wilmar hatte wenig Bedenken. Als dann Julia Barbier kam und sich vorstelle, war ihm klar: Die und sonst keine! Nach vier Monaten ist der Senior des Lobes voll über die junge Frau, die, wie er sagt, in unvergleichlich „spielerisch-eleganter Weise“ mit seiner körperlich und geistig schwer beeinträchtigten Frau umgeht. Bis zu 50 Stunden im Monat kümmert sich Julia um Veronika. Doppelt so viel, als sie müsste. Dafür darf sie nicht nur miet- und nebenmietfrei wohnen. Fischer: „Ich stecke ihr auch immer mal wieder ein paar Euro zu.“

Während Julia Barbier mit den Fischers spazieren geht, verdaut sie Probleme rund um die Uni. Momentan plagt sie das BaföG-Amt. Wilmar Fischer kann gut verstehen, warum sich die junge Frau über den Behördenkampf so aufregt. Und würde ihr gerne helfen. Julia hört sich an, welche Erfahrungen er im Laufe seines Lebens mit Ämtern gesammelt hat. Und wie er reagierte. Doch dass sich ihr Wohnpartner persönlich in ihre Probleme einschaltet, möchte sie nicht, sagt sie: „Ich bin alt genug, will und muss meine Probleme selbst lösen.“ Aber wertvoll sei es für sie, zu hören, wie der um 53 Jahre Ältere einst Schwierigkeiten in den Griff bekam. Das gibt ihr Mut und Zuversicht.

Dass zwischen dem Vorgespräch und dem Einzug so wenig Zeit vergeht wie im Falle von Julia Barbier und den Fischers, ist nicht die Regel. Oft müssen sich Studierende laut Projektleiterin Mirjam Wagner länger gedulden, bis sie einen geeigneten Wohnpartner finden. 16 Partnerschaften in und um Würzburg bestehen derzeit. Noch viel mehr Studierende würden gerne gegen Hilfe bei einem Senior oder in eine Familie einziehen. Doch die wenigen Partner, die derzeit in Frage kommen, wohnen recht weit außerhalb von Würzburg – bis aus Gemünden kommen Angebote. Das ist trotz des angespannten Wohnungsmarkts nicht sehr attraktiv für die jungen Menschen.

Wenn Julia Barbier das Buch, aus dem sie gerade lernt, zuschlägt, ist es oft sehr spät. „Ich bin ein Nachtmensch“, sagt die junge Frau. Das späte Lernen macht ihr nichts aus. Froh ist sie allerdings über ihre eigene Wohnung oberhalb jener vier Wände, in denen die Fischers leben: „Hier kann ich nachts herumwuseln, ohne dass ich jemanden störe.“ Wobei sie selbst in Notfällen jederzeit nachts von Wilmar Fischer gestört werden kann. Sie selbst war auch einmal in Not: „Ich hatte eines Nachts furchtbare Bauchkrämpfe.“ Da weckte sie ihren Wohnpartner. Der alles andere als ärgerlich reagierte. Sondern dafür sorgte, dass die junge Frau umgehend in die Klinik kam.

Weitere Informationen zum Projekt und der Bewerbung finden Sie unter http://www.wfh-wuerzburg.de oder Sie kontaktieren uns direkt per Mail wfh@caritas-wuerzburg.org oder telefonisch unter 0931-38659-128

Autorin: Pat Christ

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Pat Christ

Sie ist seit vielen Jahren als freie Journalistin in Würzburg mit Schwerpunkt "Soziales" tätig.

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