Kontaktbörse für Weltverbesserer

Bei Socialbars treffen, sprechen und vernetzen sich Menschen aus verschiedenen Schichten und Einrichtungen ganz zwanglos.

Das Internetcafé des Würzburger Seniorenzentrums St. Thekla ist ihr Treffpunkt: Web-Aktivisten, Nichtregierungsorganisationen, Politiker, Unternehmer mit sozialer Verantwortung, Weltverbesserer. Bei der Socialbar Würzburg lernen sie sich kennen, knüpfen Kontakte, tauschen Erfahrungen aus und gehen Kooperationen ein. Plauderstunden sind die Treffen mitnichten. Die Devise lautet: Neues entstehen lassen und Lösungen finden. Im deutschsprachigen Raum gibt es die Socialbar mittlerweile in 21 Städten.

Der Gründer der Würzburger Socialbar, Herbert Schmidt, hat sich von den Berlinern inspirieren lassen. “Dort läuft es gut, warum nicht auch bei uns?” Seit wenigen Wochen gibt es auch in Unterfranken eine Socialbar. “Uns verbinden bürgerschaftliches Engagement und unkonventionelle Herangehensweisen”, sagt er. Die dezentral organisierten Treffen haben meist das Internet und seine Möglichkeiten zum Thema. Es geht um neue Aspekte der Vernetzung, Koordination und Kommunikation. Ganz nach dem Credo von Schmidt: “Ich bin im Internet zu Hause.”

Informatik-Student Christian Kollross stellt der Runde zum Beispiel das OpenStreetMap-System vor. Dahinter steckt die Idee, wie das Leben von Menschen mit Behinderungen oder Senioren mit ein paar Mausklicks vereinfacht werden kann. Es geht um barrierefreie Straßen und Einrichtungen. Ein Klick, und der Stadtplan zeigt die gewünschten Orte an. Auf seinen Streifzügen durch die Stadt sammelt Kollross mit dem Handy Daten. Gibt es in diesem Café eine barrierefreie Toilette? Können Menschen mit Behinderung problemlos in diesem Supermarkt einkaufen? Zu Hause am Computer kartographiert und speichert Kollross die Erkenntnisse.

Volker Stawski, Leiter der Würzburger Beratungsstelle für Senioren und Menschen mit Behinderung, sieht Synergieeffekte, schlägt Vernetzung vor. “Es besteht Bedarf bei der Stadt, das System zu nutzen. Vielleicht als Chance für die Kommune? Gerade Menschen mit Behinderung und Senioren würden davon profitieren”, sagt er: “Wir könnten auch Rollstuhlfahrer motivieren, Wege selbst zu erkunden, zu prüfen und sie dann in das System einzustellen.”

Der Bedarf für solche Hilfsmittel ist laut Stawski auch mit Daten belegt: Ein heute 50 Jahre alter Mann hat eine Mindestlebenserwartung von 80 Jahren. Auf diese “neuen Alten” muss in der Gesellschaft verstärkt eingegangen werden. Das moderne Bild des Alters sei der aktive Mensch, der Sport treibt, reist und seine Individualität auslebt. “Wir vergleichen den dritten Lebensabschnitt mit der zweiten Pubertät”, sagt Stawski. Doch um als Senior Sport- und Freizeitangebote nutzen zu können, braucht man auch das nötige Kleingeld, sagt Gast Klaus Honsel: “Bei niedrigen Renten und zunehmender Arbeitslosigkeit kann die soziale Schere ganz schön auseinanderklaffen.”

Die Themen bei den Treffen der Socialbar lassen sich in alle Richtungen vernetzen, findet Organisator Schmidt. Den Erfolg der Socialbar dürfe man nicht allein am produktiven Ergebnis ablesen, mahnt er. Hier sollte man die Erwartungen “nicht zu hoch” ansetzen. Allein die Tatsache, dass sich Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten, Organisationen und Einrichtungen über Themen austauschen und so vernetzen, sei etwas Positives, findet Schmidt. Bei ihrem nächsten Treffen am 15. März will sich die Socialbar mit der “WürzburgWiki” beschäftigen, ein Würzburger Internet-Lexikon im Stil der echten Wikipedia.

Quelle: epd

Autorin: Sabine Ludwig
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Sabine Ludwig

Sabine Ludwig wurde in Würzburg geboren. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften und Journalismus in Deutschland und den USA. Als Journalistin und Buchautorin publiziert sie im In- und Ausland. Sie arbeitete bei der Deutschen Außenhandelskammer in Hongkong und für den Deutschen Entwicklungsdienst (DED) in Westafrika. In Aserbaidschan und Tadschikistan war sie als Wahlbeobachterin für die OSZE tätig.

3 Gedanken zu „Kontaktbörse für Weltverbesserer

  • 12. Februar 2011 um 10:42
    Permalink

    Okay, Herbert, du hast es so gewollt: 😉

    – OpenStreetMap hat nicht den primären Zweck, Menschen mit Behinderungen oder Senioren zu helfen, sondern es ist einfach eine Art Wikipedia, nur eben als Weltkarte.
    – Dafür ist WheelMap zuständig, eine Art Aufsatz auf OpenStreetMap.
    – Die Daten die ich mit dem Handy sammle fließen in die Verbesserung der Kartendaten, nicht in WheelMap.

    Soviel zu meinen inhaltlichen Korrekturen. 🙂

  • 14. Februar 2011 um 08:58
    Permalink

    Leider fehlt jeglicher Hinweis für Interessierte, wo sie Kontakt aufnehmen können. Das sollte man noch ergänzen.

  • 14. Februar 2011 um 09:11
    Permalink

    Wer sich für die Socialbar allgemein interessiert, findet die Homepage hier

    Dort gibt es eine Aufzählung mit den Orten, die schon eine Socialbar durchgeführt bzw. geplant haben.

    Der direkte Link zur Socialbar Würzburg ==> hier

    Bei den Orten selbst gibt es jeweisl auch Links zu den E-Mail-Adressen.

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