Gegen die Uhr: Glück schaffen, solange es noch geht

Jean-Pol Martin berichtet über seine nachberuflichen Tätigkeiten.

jean-polIch wurde gebeten, die Strategien zu schildern, mit denen ich versuche nach der Pensionierung und mit Blick auf die tickende Uhr meinem Leben weiterhin hohe Qualität zu verleihen.
Dazu muss ich ein bisschen ausholen: ich wurde 1943 in Paris geboren. Das Umfeld, in dem ich aufwuchs, war wie für die meisten Pariser Kinder dieser Zeit unglaublich langweilig. Paris ist eine tolle Stadt für Erwachsene, vorausgesetzt, dass sie Geld haben. Für Kinder ist es eine Steinwüste. Sehr wenig Natur, zum nächsten Schwimmbad brauchte ich eine halbe Stunde Metro, Ganztagsschule sowieso. Als ich Jugendlicher wurde und die ersten Partys losgingen, gehörte ich nicht zu der angesagten Clique und verbrachte viele Nachmittage im Musee du Louvre, um die Zeit sinnvoll zu nutzen. Lustig war das nicht. Ich war gierig nach Leben und nach action. Das kam dann, aber wesentlich später.

1980 zog ich nach Eichstätt, wo ich als Französischdidaktiker angestellt wurde. Französischdidaktiker vermitteln Studenten, wie man einen guten Französischunterricht gestaltet. Und gleichzeitig, wenn sie sich wissenschaftlich betätigen wollen, machen sie sich darüber Gedanken, wie man diesen Unterricht optimieren kann. Sehr bald kam mir die Idee, den Unterricht von den Schülern selbst durchführen zu lassen. Das funktionierte sehr gut. Die Schüler waren zufrieden, die Eltern und ich auch.

Und da ging der Flow richtig los! Die Kollegen wurden aufmerksam, ich gründete eine Gruppe, die die Methode erprobte und verbreitete, wir wurden überall eingeladen und das dauerte 32 Jahre. 32 Jahre tierisch arbeiten, viel Spaß und Erfolge, ständig Projekte durchführen, Kicks jede Menge. Parallel dazu verfasste ich meine Doktorarbeit über dieses Thema und später dann die Habilitation.

Die Methode – „Lernen durch Lehren“ (LdL) genannt – ist heute überall bekannt und boomt gerade wieder mal heftig. Nebenbei: die Methode durfte ich in der ganzen Welt vorstellen, beispielsweise Äthiopien, Japan, Ägypten, New York, Istanbul, Norwegen, Schweden, Tatarstan, usw… Die Lebensgier hatte einen Gegenstand gefunden (auch mein Familienleben war intensiv) und die Sucht fand immer reichlich Nahrung. Überflüssig zu erwähnen, dass die Erlebnisintensität nach dem Aufkommen des Internets ab 1995 sich noch vervielfachte.
Bestimmt werden zahlreiche Leser ihren eigenen Parcours so oder ein bisschen anders wiederkennen.

Erfolgreiche Projekte machen einfach glücklich. Dies gilt für Unternehmer, für Politiker, für Forscher, für Abenteurer aber auch für Menschen, die scheinbar weniger spannende Tätigkeiten ausüben, wie Lehrer, Zugführer, Förster… Immer, wenn mehrere Leute zusammenkommen, sich ein sinnvolles Ziel setzen, das schwer – aber nicht unmöglich – zu erreichen ist, wenn dabei viele Aktivitäten entfaltet werden und am Ende das Ganze erfolgreich ist, entsteht Glück.

Was macht man im Ruhestand? Wo kann man seine Gier stillen? Woher die Flows und Kicks? Wie bereits oben ausgeführt entsteht Glück vor allem im Rahmen von Projekten. Und dazu bieten Ingolstadt und das umliegende Land eine Fülle von Möglichkeiten. Ingolstadt ist ein wahres Schlaraffenland. Direkt nach der Pensionierung suchte ich den Kontakt zu den Grünen. Ich war Gründungsmitglied, hatte mich aber aufgrund meiner beruflichen Aktivitäten dreißig Jahre lang nicht mehr gemeldet. Sofort wurde ich gebeten, mich in die Fußgängerzone an den Stand hinzustellen, um Unterschriften für die Durchfahrt der Buslinien 10 und 11 auch am Wochenende zu sammeln. So lernte ich gleich diverse Stadträte der Opposition kennen, insbesondere aus der SPD und der ÖDP, alle sehr nette Leute. Ich erfuhr eine Menge über die Stadtpolitik und konnte mit unzähligen Bürgern sprechen und deren Meinungen speichern. Es gab auch Einladungen zu Standorten von Großprojekten, wie beispielsweise die Rückführung des Areals von Bayern-Oil, als die Raffinerien abgebaut wurden. Heute ist die Gestaltung des Geländes ein wichtiges Thema der Stadtpolitik.

Ähnliches gilt für das Gießereigelände, als viele Bürger – auch ich – sich gegen eine zu starke Bebauung, insbesondere gegen das Kongresshotel einsetzten. Parallel dazu fragte ich bei der Freiwilligen Agentur an, ob ich bei Integrationsprojekten mitmachen konnte. Sofort wurde ich der Gruppe „Die Brückenbauer“ zugeteilt, die als Aufgabe hatten, die Arbeit der Migrantenvereine vorzustellen und bekannt zu machen. Mit großer Unterstützung von Veronika Peters, der Vorsitzenden der Freiwilligen Agentur konzipierte ich zusammen mit Mojgan Hajifaraji das Modul „Ingolstadt-Expertise“, bei dem Schüler aus Migrantenfamilien sich über zentrale Aspekte der Stadtpolitik informierten und die Ergebnisse ihrer Erkundungen einem breiten Publikum vorstellten.

Ein weiteres, sehr wichtiges Aktivitätsfeld war das Bürgerhaus, insbesondere die Gruppe der „Neuruheständler“, die damals gerade gegründet wurde. Es sind Menschen zwischen 60 und 77, die ihre Lebensqualität erhalten wollen und mit Hilfe des Bürgerhauses, einer Einrichtung der Stadt, zahlreiche Aktivitäten gemeinsam planen und durchführen, wie Radtouren, Werkbesichtigungen, Fahrten zu anderen Städten, Vorträge über Reisen der Teilnehmer. Dort konnte ich gleich einen Gesprächskreis „Geschichte der Philosophie“ gründen, sowie „Ingolstadt-Geschichte“, aber auch „Glück im Alter“ und „Philosophie auf Französisch“, mit Treffen alle vierzehn Tage. Auf diesem Hintergrund entstand ein weiteres Angebot des Bürgerhauses: „90 Minuten, um Ingolstadt zu verstehen“, ein geistesgeschichtlicher Stadtrundgang, der von den Teilnehmern auch im Rahmen der Landesaustellung über Napoléon 2015 angeboten wird, und „Was brauchen Menschen, um glücklich zu sein“, ebenfalls eine 90 minütige Session zur Glücksförderung.

discoSchließlich und vor allem fiel uns ein, dass wir auch mit 70 und darüber hinaus leidenschaftlich gerne auf der Musik aus den 60er, 70er und 80er Jahre tanzen. Wir haben einen tollen DJ gefunden, Detlef Franke, der früher bei Radio-IN die Oldies aufgelegt hat. Jeden ersten Montag im Monat dürfen wir im Diagonal von 19:00 bis 22:00Uhr wie wild tanzen. Beatles, Moody Blues, Eagles, Aretha Franklin… Die Stimmung ist hervorragend.
Reinhard, einer der beiden Geschäftsführer, sagte mir neulich: wenn ihr da seid, lächeln alle Leute im Diagonal und um das Diagonal herum. Die Menschen sind richtig glücklich!
Sag ich doch!

Der Artikel wurde hier noch einmal mit freundlicher Genehmigung durch “Wir! in Ingolstadt Verlag

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsabfrage * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen