Die beste Therapie ist der Mensch

Was Würzburger Experten vom Einsatz von Pflegerobotern halten.

Nutzung des im Care-O-bot integrierten Bildschirms zur Kommunikation mit Verwandten und BekanntenOb eines Tages wohl ein Roboter den Kakao oder den Kaffee ans Bett bringen wird? Vielleicht. Und vielleicht auch gar keine so schlechte Idee angesichts der düsteren demografischen Prognosen. Schließlich werden deutschlandweit im Jahr 2050 rund 40 Prozent aller Menschen über 60 Jahre alt sein.

Schon jetzt ist die Altenpflege am Limit. In 35 Jahren gar müsste jeder vierte junge Mensch Wissenschaftlern zufolge in der Pflege tätig sein, damit alle pflegebedürftigen Menschen auch versorgt werden. Dennoch stößt die Idee, Pflegeroboter einzusetzen, in Würzburg nicht überall auf Zustimmung.

Kann sich denn ein Roboter so liebevoll um einen pflegebedürftigen Menschen kümmern wie eine Altenpflegerin? „Nein!“, meint Volker Weber, Leiter der Berufsfachschule für Altenpflege und Altenpflegehilfe des Würzburger Vereins HALMA. „Alle Wertmaßstäbe, die aus einem Pflegethos und einem menschenwürdigen Umgang resultieren, wären damit außer Kraft gesetzt“, ist er überzeugt. Pflege würde zur Fließbandarbeit verkommen: „Das ist aus meiner Sicht inakzeptabel und menschenunwürdig.“ In Japan hat es nach seinen Informationen erste Versuche mit Pflegerobotern gegeben, die sich „auf der ganzen Linie nicht bewährt“ hätten.

Maschinen und Roboter eignen sich hervorragend dazu, primitive oder strapaziöse Arbeiten zu verrichten. So gibt es in Restaurants längst keine Tellerwäscher mehr sondern Spülmaschinen. Das Radio hat den Musikanten ersetzt. Die Waschmaschine die Waschfrau.

Längst keine Fiktion mehr

Die Verwendung dieser Maschinen ist heute völlig unspektakulär. „Auch in der Pflege und Betreuung von Menschen ist der Einsatz technischer Hilfsmittel keine Fiktion mehr“, weiß Matthias Rüth, Geschäftsführer der Senioreneinrichtungen des Landkreises Würzburg. Es gebe bereits viele gute Unterstützungssysteme: „Beispielsweise Treppenlifter oder elektrische Rollstühle.“ Der Schritt zum Pflegeroboter stelle allerdings einen „qualitativen Sprung“ dar.
Während Technikfreaks uneingeschränkt die Vorzüge von Robotern rühmen, plädieren in der Pflege Tätige wie Matthias Rüth für eine „konstruktiv kritische“ Haltung. Die Vorzüge dürfen dabei nicht außer Acht gelassen werden. „Ich bin durchaus der Meinung, dass technische Assistenzsysteme älteren Menschen helfen können, sich länger selbstständig zu versorgen“, sagt der Geschäftsführer.
So ist es mit dem Senioren-Scooter bald möglich, alleine durch die Straßen zu bummeln. Der in Würzburg von Professor Klaus Schilling entwickelte Roboter wird gemeinsam mit Senioren auf den Weg gebracht, damit er auch wirklich die Bedürfnisse alter Menschen erfüllt. Auch dort, wo zur Bewegung und zum Transfer von pflegebedürftigen Menschen viel Kraft erforderlich ist, sollte die technische Unterstützung ausgebaut werden, meint Matthias Rüth. Pflegeroboter können und dürfen jedoch auch nach seiner Ansicht das Pflegepersonal nicht ersetzen.

Pflege heißt Achtsamkeit

Die Grenzen der Verwendung mobiler Roboter sei dort erreicht, wo es um das Zwischenmenschliche geht. „Was pflegebedürftigen Menschen am meisten fehlt, ist doch emotionale Verbundenheit“, betont Rüth. Pflege finde im Rahmen einer wechselseitigen Beziehung statt: „Sie braucht Achtsamkeit gegenüber der ganzen Person und Menschlichkeit im wahrsten Sinn des Wortes.“ Das überhaupt Wichtigste bei der Pflege eines Menschen kenne der Roboter nicht: „Ganzheitlichkeit.“ Ein standarisierter Robotereinsatz würde deshalb nach Rüths Meinung das „Ende unserer Wertekultur“ bedeuten. Was die Philosophin Susanne Boshammer nicht so sieht.
Zwei Fehler müssen laut der Expertin von der Universität Bern in der Diskussion um Pflegeroboter vermieden werden: „Erstens die Idealisierung und Nostalgisierung der klassischen Pflegesettings.“ Und zweitens die Fetischierung der Autonomie bis in die letzte Stunde: „Bei gleichzeitiger maßloser Überschätzung der technischen Möglichkeiten.“ Roboter und andre technische Assistenzsysteme können laut Boshammer dazu beitragen, dass Pflegende mehr Zeit für die menschlichen Seiten der Pflege haben. Sie könnten zugleich das Gefühl nehmen, vom Wohl und Wehe eines anderen Menschen abhängig zu sein.
Dennoch missfällt auch den Würzburger Johannitern in höchstem Grade die Vorstellung, dass Menschen in naher Zukunft von einem Roboter gepflegt werden könnten. „Der derzeitige Pflegekräftemangel lässt sich auf keinen Fall durch Roboter lösen“, unterstreicht Pressesprecher Christoph Fleschutz. Zu sehr tragen auch nach seiner Aussage zwischenmenschliche Faktoren zum Wohlbefinden des Pflegebedürftigen bei: „Menschliche Wärme und Nähe sind elementarere Bestandteile der Pflege.“ Um den Mangel an Pflegekräften erfolgreich entgegenzuwirken, müsse das Pflegesystem geändert und an die heutige Zeit angepasst werden.

In Amerika schon im Einsatz

In der Klinik der University of Virginia liefern die Roboter „Help-mate“ und „Robocart“ seit geraumer Zeit schon Patienten das Essen. Sie nehmen Blut- und Urinröhrchen der Kranken mit, um die Proben schließlich im Labor abzugeben. „Dabei sparen sie Tausende von Dollars“, erklärte Professor Robin Felder von der University of Virginia auf dem europäischen Kongress „Medical and Biological Engineering“ in Wien. In Deutschland treibt das Fraunhofer-Institut die Idee des Pflegeroboters voran. Der „Care-O-bot 2“ serviert Getränke, deckt den Tisch, holt Medikamente und alarmiert im Notfall den Rettungsdienst.
Seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als die Entwicklung autonomer mobiler Roboter begann, hat sich viel verändert. Inzwischen gibt es Weltmeisterschaften im Roboter-Fußball, Industrieroboter sind gang und gäbe, Geländeroboter arbeiten in schwer zugänglichen Gebieten. „Auch in der Rehabilitation gewinnen roboterunterstützte Systeme an Bedeutung, sind jedoch auf Grund hoher Kosten und weiterem Entwicklungsbedarf noch nicht weit verbreitet“, berichtet Geriater Michael Schwab vom Würzburger Bürgerspital. Im Sinne einer „Blended Therapy“ könnten Roboter nach seiner Einschätzung künftig auch Therapeuten erfolgreich unterstützen.
Auch eine Entlastung der Pflegekräfte durch autonome mobile Serviceroboter hält Schwab für vorstellbar. Doch: „Die beste Therapie des Menschen ist der Mensch.“ Der Mensch sei nun einmal ein soziales Wesen: „Deshalb dürfen technische Lösungen niemals den persönlichen Kontakt verdrängen.“
Grundsätzlich ist Schwab der Gedanken jedoch nicht unsympathisch, dass Technik in höherem Maße als bisher Einzug in den Pflegealltag hält. Technik könne helfen, die Mobilität zu verbessern, und auf diese Weise dazu beitragen, dass Senioren länger in der eigenen Wohnung bleiben können. Gleichzeitig müssten aber ausreichend Ressourcen bereitgestellt werden: „Und zwar mehr und nicht weniger für Pflege und Therapie ältere Menschen. Denn Technik ist kein Einsparmodell.“

Das Service-Center nutzt Care-O-bot zur Kommunikation mit dem gestÅrzten Benutzer

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Im Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung werden Pflegeroboter entwickelt.
Foto: Jens Kilian

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