Das freiwillige Engagement älterer Menschen auf dem Vormarsch

Erste Ergebnisse des 3. Freiwilligensurveys und offene Fragen
Immer mehr Menschen können und wollen im Alter – weitgehend befreit von familiären oder beruflichen Verpflichtungen – ihren Hobbys nachgehen, Reisen unternehmen, sich um die Enkelkinder kümmern oder sich neuen, sinnvollen gesellschaftlichen Aufgaben in den unterschiedlichsten Bereichen zuwenden, in die sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen einbringen können. Hier scheint sich ein Trend fortzusetzen, der sich bereits im
1. Freiwilligensurvey 1999 andeutete.

Freiwilliges Engagement der Älteren deutlich gestiegen

Das ehrenamtliche Engagement gerade der Älteren nahm in den letzten Jahren ersichtlich zu. Bereits zwischen 1999 und 2004 stieg der Anteil der ehrenamtlich Tätigen bei den sogenannten „Jungen Alten“ zwischen 60 und 69 Jahren deutlich von 31 % auf 37 %. Im Zeitraum 2004 bis 2009 erhöhte sich die Engagementquote in dieser Altersgruppe nicht weiter und pendelte sich bei 37 % ein. Auch die Engagementquote der 70- bis 75-Jährigen ist zwischen 1999 und 2009 von 24 % auf 30 % gestiegen. Selbst bei den 76- bis 80-Jährigen konnte im gesamten Zeitraum eine Zunahme des Engagements von 19 % auf 21 % festgestellt werden.

„Das zeigt, wie sich die Grenze, bis zu der sich ältere Menschen noch recht aktiv in die Zivilgesellschaft einbringen, in Richtung des Alters von etwa 75 Jahren hinausgeschoben hat. Zunehmend überschreiten Einzelne selbst diese Grenze“, berichtet Monitor Engagement (Ausgabe 2/2010, S. 32).

Dem Monitor Engagement zufolge engagieren sich ältere Menschen vorwiegend und zunehmend im sozialen, gesundheitlichen und kirchlichen Bereich und zeigen eine ebenfalls steigende Präsenz in den Bereichen Umwelt- und Tierschutz, Politik und bürgerschaftliches Engagement am Wohnort. Sie setzen sich zudem immer mehr für gesundheitlich geschwächte bzw. höher betagte ältere Menschen ein und beteiligen sich an der Mitgestaltung des Gemeinwesens.

Aber auch in Kindergärten und Schulen und in der Jugendarbeit sind vor allem Familien und ältere Menschen das treibende Element (vgl. Grafik 15). Gleichzeitig wird darauf verwiesen,
dass sich verändernde Engagementinteressen, der demografische Wandel, erhöhte regionale Mobilität und Zeitstress bei jüngeren Menschen auch zu strukturellen Defiziten und mancherorts zu Nachwuchsproblemen führen können.

„Der demografiebedingte Mangel an jungen Menschen und der Zustrom älterer Menschen in den Freiwilligensektor können zu Ungleichgewichten führen, da ältere Freiwillige oft andere Themen besetzen als jüngere.
Wenn in typischen Engagementfeldern junger Menschen wie dem Sport, der freiwilligen Feuerwehr und den Rettungsdiensten Nachwuchs fehlt, können ältere Menschen diese Lücken nur bedingt füllen.“ (Monitor Engagement 2/2010, S. 23)

Historischer Erfahrungshintergrund und Engagement

Die deutliche Zunahme bei der öffentlichen Aktivität und beim Engagement älterer Menschen wird einerseits auf ihre stetig steigende Fitness zurückgeführt. Andererseits machen sich hier auch die Nachwirkungen zeitgeschichtlicher Prozesse bemerkbar. Um diese Veränderungen aufzudecken, wird im Freiwilligensurvey 2009 erstmals eine zeitgeschichtliche Analyse der Engagementquoten in verschiedenen Altersgruppen vorgelegt (Kohortenanalyse). Mit deren Hilfe wird es möglich, das Engagementverhalten verschiedener Altersgruppen im Zeitverlauf darzustellen: Man kann bei nahezu identischen Gruppen bestimmter Jahrgänge feststellen, wie hoch die Engagementquoten 1999 waren und wie sich die Engagementbeteiligung dieser Altersgruppe genau zehn Jahre später darstellt. Im Ergebnis dieser Analysen wird eine Reihe spannender Zusammenhänge sichtbar (vgl. Grafik).

Betrachtet man das relativ hohe Engagement der im Jahr 2009 65- bis 74-Jährigen, so zeigt sich, dass diese vor zehn Jahren als die sogenannten „Jungen Alten“ (55 bis 64 Jahre) bereits in gleichem oder ähnlich hohem Umfang engagiert waren. Sie haben ihre Engagementneigung im Älterwerden „mitgenommen“ und damit zu einem großen Aufschwung in der gesamten Gruppe der Älteren beigetragen. Lediglich die Altersgruppe der im Jahr 1999 65- bis 69-Jährigen hat ihr Engagement von 29 % auf 20 % stark reduziert. „Das zeigt vor allem die Grenzen auch des heutigen Alters für das Engagement an (‚Fitnessgefälle‘)“.

Zu Recht wird im Monitor Engagement (S. 35) darauf verwiesen, dass es sich bei den genannten Altersgruppen um eine Generation handelt, die um das Kriegsende herum bis in die beginnenden 1950er Jahre hinein geboren wurde und von daher einen spezifischen historischen Erfahrungshintergrund hat. Sie haben unter anderem den wirtschaftlichen Wiederaufstieg, den Beginn der Bildungsexpansion und den Wertewandelschub von 1965 bis 1975 erlebt. Dieser Hintergrund ist insbesondere für die Engagementförderpolitik wichtig. Deshalb werden ähnliche zeitgeschichtliche Betrachtungen für zukünftige vertiefende Analysen des 3. Freiwilligensurveys auch in Bezug auf andere Altersgruppen von Interesse sein.

Die Engagementquoten der heute 55- bis 64-Jährigen, also der mittleren Altersgenerationen des Jahres 1999 (45 bis 54 Jahre), sind in den letzten zehn Jahren um 4 bis 5 % zurückgegangen. Im Gegensatz dazu haben die jungen Erwachsenen des Jahres 1999 und insbesondere die damals 25- bis 34-Jährigen ihr Engagement in diesem Zeitraum erheblich gesteigert, nämlich um 10 %. Sie gehören heute der mittleren Altersgeneration der 35- bis 44-Jährigen an und sind für die insgesamt hohe Engagementquote in Deutschland eine tragende Säule.

Wirkungen der Engagementpolitik bislang nicht untersucht
Es stellt sich die Frage, inwieweit förderpolitische Maßnahmen diese Entwicklungen gestützt und getragen haben. Im zehnjährigen Beobachtungszeitraum der drei Freiwilligensurveys (1999, 2004, 2009) wurden seitens des Bundes, der Länder und zahlreicher Kommunen teilweise umfangreiche engagementpolitische Förderanstrengungen unternommen, die sich vor dem Hintergrund der gestiegenen Engagement- und Potenzialquoten allem Anschein nach ausgezahlt haben. Allerdings ergeben sich aus Sicht der skizzierten Kohortenanalysen durchaus differenzierte Einblicke, die es zu analysieren gilt.

Kausale Zusammenhänge zwischen den skizzierten Entwicklungen und förderpolitischen Maßnahmen sind bislang kaum untersucht worden. Belastbare Daten aus entsprechenden empirischen Studien liegen in der Breite nicht vor. Insofern stehen fundierte Untersuchungen aus, die es erlauben, über vermutete oder gefühlte Kausalzusammenhänge hinausgehende Schlussfolgerungen zu ziehen.

Mithilfe solcher Untersuchungen lässt sich nicht nur rückblickend die Wirksamkeit der bisherigen Förderpolitik beurteilen. Sie sind auch für die zukünftige Gestaltung der Engagementförderpolitik grundlegend. Für diese ist vor allem von Interesse, wie sich die sichtbar gewordenen Trends beim freiwilligen Engagement weiterentwickeln werden, ob also beispielsweise die heutigen mittleren Altersgenerationen ihr hohes Engagement auch in das Alter mitnehmen oder eher reduzieren werden. Zudem ist fraglich, ob über das in diesen Altersgruppen ohnehin schon vorhandene hohe Engagement hinaus überhaupt noch weitere Engagementpotenziale erschlossen werden können und ggf. unter welchen Rahmenbedingungen. Und nicht zuletzt ist von Bedeutung, ob und wie der Abwärtstrend des Engagements der heute 55- bis 64-Jährigen gestoppt werden kann.

Stefan Bischoff, M.A. Soziologe
Institut für Sozialwissenschaftliche
Analysen und Beratung (ISAB)
Blankenheimer Str. 47, 50937 Köln
Tel.: 02 21 / 423 67 660
bischoff@isab-institut.de
www.isab-institut.de

Quelle: Monitor Engagement, Ausgabe Nr. 2. Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999 – 2004 – 2009. Kurzbericht des 3. Freiwilligensurveys.
BAGSO-Nachrichten 04/2010

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