Wann Technik bedenklich wird

Studie zeigt ethische Klippen im Umgang mit altersgerechten Assistenzsystemen auf.

aal_CSC_0082Was Techniker und Ingenieure entwickeln, ist schon fantastisch. Ihre Erfindungen helfen Seniorinnen und Senioren, länger als früher alleine in den eigenen vier Wänden wohnen zu bleiben. „Ambient assisted living“ oder „Homecare“ nennt man auf Neudeutsch Innovationen wie interaktive Wohnraumgestaltungen mit Bewegungssensoren, die bei Stürzen automatisch alarmieren. Wie jede andere Technik hat aber auch AAL ethische Aspekte. Denen ging Forscher aus München, Ulm und Cottbus nach.

Mahlzeiten zubereiten und einnehmen, die Wohnung sauber halten, Treppen steigen, einkaufen gehen, sich pflegen, an- und ausziehen – nur wer fähig ist, dies alles zu tun, mit oder ohne Hilfe, kann sicher zu Hause wohnen. In allen diesen Lebensfeldern sind technische Assistenzsysteme einsetzbar. Dabei lautet die erste ethische Frage: Bestimmt der Nutzer noch den Einsatz? Also liegt es in seinem Ermessen, wann er etwa ein Alarmsystem einsetzt? Kann er einen Bewegungsmelder nach Gutdünken ein- und ausschalten?
Assistenzsysteme sorgen für mehr innere Ruhe bei Angehörigen. Fällt doch ein Teil der ständigen Sorge weg, ob wohl (wieder) etwas passiert ist. Zumal, wenn es bereits ein Ereignis gab – etwa einen Sturz. Doch der Blick darf nicht allein auf die Bedürfnisse der Angehörigen gerichtet sein, warnt das Forscherteam. Ist ein Gerät, etwa ein Fernüberwachungssystem, so programmiert, dass der Senior nicht mehr autonom bestimmen kann, ob er es gerade an- oder ausgeschaltet haben mag, beginnt der Einsatz von AAL ethisch fragwürdig zu werden. Dann nämlich dominiert die Technik über den Menschen.

Ältere Menschen haben allein mit dem Vokabular rund um „AAL“ so ihre Schwierigkeiten. Da ist von Sensorsystemen und „Underlay“, von „Health Care“ und Applikationen die Rede. Menschen, die sich etwas Zeit nehmen, werden imstande sein, sich einzulesen und zu verstehen, was eine jeweilige Technik kann und wie sie grob funktioniert. Das gilt auch für Reha-Gerät etwa zur Therapie bei Parkinson, wie Dr. Michael Schwab sie im Bürgerspital einsetzt. Ältere Menschen mit technischem Sachverstand oder technischem Interesse können diese Technik auch daheim einsetzen. Bestehen Zweifel, ob ein Senior zu Hause mit dem System klarkommt, sollte gar nicht erst versucht werden, die Therapiemethode zu Hause zu implementieren. Sonst kommt es zu Überforderungsgefühlen.

Eine private Wohnung muss nicht wie eine Kaserne abgesichert sein. Schließlich ist es ohnehin nicht möglich, sämtliche Risiken, die das Leben mit sich bringt, auszuschließen. Technik darf gleichzeitig nicht dazu führen, dass ein Mensch sich blind darauf verlässt. Und selbst gar nichts mehr tut. Gar nicht mehr mit- und weiterdenkt. Also etwa gar nicht mehr darauf achtet, ob der Herd abgeschaltet ist. Die Technik, hat er gelernt, sorgt im Zweifelsfall dafür, dass sich der Herd selbst abschaltet. Doch was, wenn die Technik eines Tages versagt? Die Antwort auf die Frage, wann Assistenzsysteme ethisch zu kippen beginnen, zeigt die Studie der Forscher auf, ist gar nicht so leicht zu beantworten. Das wird auch beim Themenfeld Kommunikation deutlich. Es gibt inzwischen viele technische Möglichkeiten, einen Senior, der alleine in seiner Wohnung lebt, mit Familienmitgliedern oder Nachbarn zu vernetzen. Ein einziger, unkomplizierter Knopfdruck auf der Tastatur des Computers genügt bei entsprechender Programmierung, und Skype wird aktiviert. Ethische Bedenken kommen auf, wenn die Technik, was ganz schleichend geschehen kann, persönliche Begegnungen verhindert.

Die Gesellschaft muss schließlich die Frage beantworten, wie es möglich sein wird, dass alle Menschen, die von AAL profitieren, tatsächlich in den Genuss von altersgerechten Assistenzsystemen kommen. Der Zugang zu AAL, fordern die Wissenschaftler, muss diskriminierungsfrei möglich sein. Dabei darf es keine Rolle spielen, wie hoch die Rente eines Seniors ist. Auch soll darauf geachtet werden, dass Frauen genau die gleichen Möglichkeiten haben wie Männer, AAL zu ihrem eigenen Wohl einzusetzen. AAL muss schließlich so gestaltet werden, dass es unwichtig ist, welche Bildungslaufbahn ein alter Mensch hinter sich hat. AAL reagiert auf eine Veränderung in der Gesellschaft, die nicht weggeleugnet werden kann: Wir altern. Und wir werden immer individueller. Die ausgetretenen Pfade, Senioren mit zunehmender Pflegebedürftigkeit zu unterstützen, taugen nicht mehr. Von daher ist es sehr sinnvoll, Techniken zu entwickeln, die ältere Menschen in ihrem Alltag unterstützen. Doch bei jeder einzelnen Entwicklung und in jedem individuellen Fall muss die Frage gestellt werden, ob ein älterer Mensch unterm Strich profitiert. Oder verliert.

Parkinson-Patienten können mit Hilfe von Techniken ihr Gleichgewicht zu trainieren. Laut dem Würzburger Geriater Michael Schwab vom Bürgerspital profitieren viele Patienten davon enorm. Die Technik darf jedoch nur dann auch außerhalb der Reha angewendet werden, wenn der Patienten daheim sicher mit der Technik umgehen kann. Und nicht überfordert wird.

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Pat Christ

Sie ist seit vielen Jahren als freie Journalistin in Würzburg mit Schwerpunkt "Soziales" tätig.

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