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Seniorenforum Würzburg und Umgebung

"Von Senioren für Senioren"

Leben und sterben, wo ich hingehöre

Dritter Sozialraum und neues Hilfesystem
Die Hilfe ist wieder hin zum Menschen zu bringen. Passé soll endlich die über hundert Jahre größtenteils institutionalisierte, vom Leben der Bevölkerung abgetrennte Hilfe sein.
Anders ausgedrückt: „das Heim (was hilfreich daran ist) in die Wohnung“, also in den natürlichen Lebensraum zurückholen. Das ist Klaus Dörners langjähriges Credo vom Aufbruch der Heime und der Deinstitutionalisierung.

In seinem neuesten Buch beschreibt er nun, wie dieses Leben von Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf in einem dritten Sozialraum zwischen Privatem und Öffentlichem, einem nachbarschaftlichen Hilfesystem in der Gemeinde gelingen und eine dauerhafte Zukunftsperspektive haben kann. Voraussetzung hierfür sei verstärktes bürgerschaftliches Engagement.

Dörner setzt dabei auf eine Entwicklung von unten nach oben und führt die altbewährte Historikererkenntnis an, dass etwas inhaltlich Neues in der Regel nicht von oben, sondern nur von unten kommen kann. Diese Beweisführung zelebriert er geradezu in schönster Hegelscher Dialektik:

1. Das Hilfesystem der Moderne hat sich zunächst – wie auch immer – bewährt:
Der Staat finanzierte aus Steuergeldern der Bürger das hauptsächlich von Wohlfahrtsverbänden und deren Profis betriebene weitgehend institutionalisierte Hilfesystem, so dass sich die Gesellschaft selbst ohne Zeitverlust und allzu drückender Gewissensbelastung der Erwerbstätigkeit sowie den (gesunden) Familienmitgliedern widmen und ansonsten die Zeit nach Gutdünken verwenden konnte. Dumm gelaufen ist, dass dieses System aber bei stetig wachsender Zahl von Hilfebedürftigen und einer Verteuerung der Leistungen schließlich unbezahlbar wurde.
2. In einem letzten vergeblichen Aufbäumen unterwarf sich das institutionalisierte Hilfesystem der Ökonomisierung unter Einbeziehung marktwirtschaftlicher Mechanismen und Regulativen und machte aus Schutzbefohlenen Kunden. Hilfe orientierte sich am betriebswirtschaftlich Kalkulierbaren. Verlierer sind die Menschen, die in den Heimen leben („Bewohner“) und arbeiten (Personal, denn es trägt die größte Last). Das Heim machte sich selbst zum Auslaufmodell. Dem Staatsversagen – nach dem Rückzug aus der Steuerung des Gesundheits- und Sozialwesens – folgte das Marktversagen durch Hineinrutschen in die Rationalisierungs- und Effizienzfalle.
3. Die Schaffung eines sog. dritten Sozialraums zeichnet sich als goldene Mitte ab, wobei es sich dabei um mehr als einen Kompromiss zwischen diesen Extremen handelt.
In einer jetzt schon in der gesamten Bundesrepublik feststellbaren neuen solidaritätsorientierten Bürgerbewegung holt die Gesellschaft ihre ausgegrenzten Mitbürger in das Stadtviertel oder die Dorfgemeinschaft zurück bzw. setzt sie nicht länger der Sogwirkung von Heimen aus.
Die hilfebedürftigen Menschen verbleiben im familiären Haushalt oder in den verschiedensten Wohn- und Lebensformen, die über Initiativen der Nachbarschaft, Freunde, Mitbürger in Kommune und Kirchengemeinden unter Mitwirkung der Sozial-Profis organisiert und betrieben werden.

Ja, taucht die Frage auf, geht denn das? Wer bringt denn unsere Gesellschaft und wie zu einem solch tiefgreifenden Dienst am Nächsten, der eine echte Bürgergesellschaft voraussetzt? Obwohl diese solidaritätsorientierte Entwicklung zwar in der öffentlichen Meinung so gut wie gar nicht vorkommt, weiß Dörner von zahlreichen Beispielen in allen Bereichen zu berichten, und dies schon seit Beginn der 80er Jahre. Er verweist auf die steigende Zahl der Freiwilligen, auf eine Zunahme von Nachbarschaftsvereinen und Selbsthilfegruppen (die er als „vierte Säule im Gesundheitswesen“ bezeichnet), auf die wachsende Spendenbereitschaft der Bürger und auf „eine immer größer und phantasievoller werdende Fülle an Gelegenheiten, wie Bürger ohne jeden sozialprofessionellen Hintergrund in unterschiedlichen biografischen Situationen (als soziale Zuverdiener) … helfende Tätigkeiten übernehmen, für die sie auch anteilig bezahlt werden“. Und irgendwann mögen es dann so viele sein, dass er Beispiele nicht mehr in Fußnoten mit der Adressangabe namentlich benennen kann.
Es geht Dörner keineswegs um eine Abschaffung professioneller Hilfe. Professionelle Hilfe soll sich aber an den Interessen und Bedürfnissen der Betroffenen orientieren und nicht vornehmlich an professionellen Interessen. Die Verlässlichkeit der Hilfen, die von den Profis ausgehen kann, muss auch weiterhin gewährleistet sein. Hier kann man gut von der emanzipatorischen Behindertenbewegung lernen, und Dörner weist darauf hin.

Dörner sieht mit viel Optimismus im Gegensatz zu anderen das Glas eben „schon halbvoll“. Bedenkenträger könnte man auf Johannes 4, 29 verweisen, kommt er doch bereits in seiner „Gebrauchsanweisung“ zu Beginn des Buches neutestamentarisch (oder „gorbachovesk“): „Wehe den Profis, die daran vorbeigehen, sie bestraft das Leben“.

Nun, so ganz freiwillig wird das alles auch nach Dörners Ansicht nicht gehen. Er bemüht Hegel mit seiner Definition von Freiheit im Sinne von (zähneknirschender) „Einsicht in die Notwendigkeit“: Wir helfen uns gegenseitig, sparen uns eine Menge Geld und investieren, jeder an seinem Platz oder nach seinen Möglichkeiten, ein bisschen Zeit. Der Sozialprofi und der Sozialstaat bleiben dabei keineswegs außen vor. Sie gehen vielmehr mit den Bürgern eine Liaison des Gebens und Nehmens ein, orientiert an den gegenseitigen Interessen und der jeweiligen Nachfrage.
Die heftigste Gegenwehr erwartet Dörner wohl von denen, die am weitesten vom „eigentlichen Geschehen“, vom community living entfernt sind. Je hochrangiger die Vertreter der Politik oder die Interessenvertreter, desto eindeutiger werden sie möglicherweise gegen eine Veränderung sein. Dagegen je bürgernäher, desto verständnisvoller und zur Mitwirkung bereit.

In seiner Argumentation und Beweisführung ist er der alte Bilder- und Begriffestürmer geblieben, der sich nicht scheut, heilige Kühe zu schlachten und dabei den entsetzten Profis, Funktionären und selbst ernannten Experten wie einst Proudhon sein Destruam et aedificabo entgegenschleudert.
Das wird diesmal wie seinerzeit bei der „Geiselnehmer-Debatte“ (Klaus Dörner: „Sind alle Heimleiter Geiselnehmer?“, 2004) wieder heftige Kritik hageln. In zwei Punkten, die er nur en passant an- bzw. niederreißt, ist die Kritik auch berechtigt. So will Dörner am liebsten Lebensqualität und auch Teilhabe (ein Schlüsselbegriff des SGB IX) aus unserem Vokabular streichen. Als ob er nicht wüsste, wie schwierig es geworden ist, Lebensqualität (nämlich die der Menschen in Heimen) gegen einen bürokratisch-technokratischen Qualitätsbegriff zu behaupten, der hauptsächlich im Interesse der formalen Organisation zur Reduzierung von Kosten verwendet wird.
Teilhabe (also Partizipation) wiederum sei sowieso ein „ganz schlampiges Wort“, ein „ersatzlos zu streichender“, in unserer Sprache kaum gebräuchlicher „Fehlbegriff“ (und das bei über 2,5 Millionen Einträgen bei Google) und entpolitisiere die Betroffenen. Da reibt man sich die Augen, schlägt erneut bei Hegel, diesmal zu dessen Politikidee Partizipation nach und liest, dass Partizipation (auf eine knappe Formel gebracht) die wechselweise sich durchdringende Beteiligung zwischen bürgerlicher Gesellschaft und Staat, also wie zwischen staatlichen Gewalten, darstellt.

Aber diese eingestreuten roten Tücher machen die Lektüre eben auch spannend. Zudem sind die knapp 200 Seiten geradezu süffig zu lesen, auch für Interessierte, die nicht zu den sog. Sozialprofis zählen und einfach nur wissen wollen, was in ihrem Leben und dereinst Sterben zur Auswahl steht. Dörner informiert den Leser ohne großes professorales Gehabe und wenig Fachkauderwelsch. Wer ihn kennt, der sieht ihn bei der Lektüre vor sich und hört ihn sprechen: seine Rede ist seine Schreibe!

Dem Dr. phil. (mehr noch als dem Dr. med.) ist es jedenfalls einmal mehr gelungen, unsere Zeit, die eine Zeit der Veränderung ist, in nachvollziehbare Gedanken zu fassen und in bewundernswerter Weise der Gegenwart und den sich abzeichnenden Entwicklungen Ausdruck zu verleihen. Bleiben wir jetzt bei Hegel und drehen ihm in Dörnerscher Manier eine Nase:
Was vernünftig ist, das sollte wirklich sein; und was dann wirklich ist, das ist auch vernünftig.

Möge aus dem nun deutlich sichtbaren Silberstreif am Horizont die Bürgergesellschaft mit echten citoyens (politischen Bürgern) entstehen, in der die Beteiligten im Geben und Nehmen „Bedeutung für den anderen“ (einer der schönsten Begrifflichkeiten des Bilderstürmers) erleben. Und möge Klaus Dörner, der inzwischen 73 Jahre jung geblieben ist, später im Methusalem-Alter, ein Buch in Anlehnung an den Bericht „Rückblick auf die Deinstitutionalisierung“ schreiben mit dem Titel „Vom Geiselnehmer zum solidarisch-stabilisierenden Profi in der Gemeinde. Rückblick auf den mühevollen Weg zum dritten Sozialraum“.

Claus Völker (Mitglied beim Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen – ForseA e.V. und beruflich zuständig für Fragen des Heimrechts und der Heimaufsicht bei der Regierung von Unterfranken)

- veröffentlicht in Soziale Psychiatrie 03/2007 –

Claus Völker

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